Paralympics 2026: baden-württembergs heimliche goldjagd beginnt ohne einmarsch
- Anna-lena forster: monoski-königin mit ziel revanche
- Merle menje: sprintstar auf brettern
- Andrea rothfuss: comeback aus dem nichts
- Die brüder bold: guide und blinder im takt
- Die prämie, die niemand beansprucht
- Tv-blackout und live-retter
- Politik als nebenschauplatz
- Fazit: gold liegt in der geschwindigkeit der gedanken
Mailand/Cortina – Während das Amphitheater von Verona sich auf eine Show vorbereitet, die niemand aus dem deutschen Team sehen wird, zählen 16 Athletinnen und Athler aus dem Südwesten in ihren Hotelzimmern die Stunden bis zum ersten Start. Sie sind die größte baden-württembergische Delegation seit 1994 – und gleichzeitig die erste, die absichtlich auf den traditionellen Einmarsch verzichtet. Der Grund: das IPC-Urteil, russische und belarussische Sportler über Wildcards zuzulassen. „Solidarität mit der Ukraine“ lautet die offizielle Begründung, doch im Lager kursiert ein flüsternder Zusatz: „Wir wollen nicht neben denen marschieren, die unsere Teamkameraden bombardiert haben.“
Anna-lena forster: monoski-königin mit ziel revanche
Vier Goldmedaillen hat sie schon, doch die letzte verpasste sie 2022 knapp. Die 28-jährige Singenerin landete damals hinter der US-Amerikanerani Brenna Huckaby – und das nagt noch immer. „Ich kenne die Cortina-Piste, sie ist technisch und ruppig, genau meins“, sagt Forster, während sie vor dem Hotel die Kanten ihrer Stöcke abzieht. Ihre Startnummer 7 gilt im FIS-System als Glückscode; die Buchmacher nennen sie Top-Favoritin, sie selbst spricht nur von „einem guten Tag“. Was niemand weiß: Sie hat sich ein neues Dämpfersystem einbauen lassen, das bei Minusgraden weicher bleibt – ein Detail, das in der dritten Runde den Unterschied machen könnte.

Merle menje: sprintstar auf brettern
Die 21-jährige Gottmadingenerin ist das Experiment der Staffel. Zweimal lief sie in Paris über 400 Meter, nun steht sie in Tesero auf Skiern, die kürzer geschnitten sind als ihre Sommer-Spikes. „Ich bin schneller als die meisten Nordler, aber meine Technik ist ein Kaffeehaus“, lacht sie und meint damit die chaotische Latte an Fehlern, die ihr Coach nachts diagrammiert. Ihre erste Medaille könnte schon am 8. März fallen – im Sprint der sitzenden Klasse, wo 2,5 km in unter vier Minuten vergehen. Die Familie baut an der Strecke ein selbstgemachtes Banner auf: „Run, Merle, Run – nur ohne Lauf“. Ironie inbegriffen.

Andrea rothfuss: comeback aus dem nichts
14 Paralympics-Medaillen, aber keine seit 2018. Die 36-jährige Mitteltalerin verschwand für 20 Monate – Depression, Burn-out, nennen wir es beim Namen. Sie trainierte in einem leer stehenden Bauernhof, ohne Zeitmessung, nur mit Hund und Wald. Nun steht sie wieder im Weltcup-Gate, die ersten Rennen endeten auf Platz 4 und 5 – keine Podestplätze, aber ihre Laktatwerte sind niedriger als je zuvor. „Ich fahre nicht gegen die anderen, ich fahre gegen die Stimmen in meinem Kopf“, sagt sie und streicht sich das erste graue Haar hinter dem Ohr. Wenn sie in Cortina an den Start geht, wird das kein Sport sein, sondern ein Beweis.

Die brüder bold: guide und blinder im takt
Theo und Jakob Bold aus Isny sind kein Team, sie sind ein Herzschlag. Jakob als Guide läuft 50 cm vor Theo, der seit einer Netzhautablösung nur noch Lichtschatten sieht. Ihr Trick: ein metronomischer Zähler im Helm, der jeden Schritt akustisch vorgibt. Bei der WM 2025 gingen sie wegen eines Software-Fehlers in der letzten Kurve zu weit – Platz 7. Jetzt haben sie die App selbst programmiert, inklusive Sturz-Algorithmus. „Wenn ich falle, weiß Jakob in 0,3 Sekunden Bescheid“, sagt Theo. Die ersten Trainingsläufe in Cortina endeten mit einem Pflaster-Arm, aber auch mit der besten Zeit der Saison. Ihr Ziel: „Nicht nur ankommen, ankommen als erste.“

Die prämie, die niemand beansprucht
30.000 Euro für Gold – steuerfrei seit 2026. Das klingt nach Lotto, doch im Paralympics-Lager ist das Geld ein heikles Thema. „Ich könnte damit endlich den barrierefreien Umbau meines Hauses finanzieren“, sagt Forster, „aber wenn ich gewinne, spende ich die Hälfte für Nachwuchsprojekte.“ Rothfuss will ihre Prämie an die Depressions-Selbsthilfe überweisen, Menje plant ein Sprint-Camp für Mädchen mit Down-Syndrom. Die Sporthilfe rechnet intern mit fünf Golds aus Baden-Württemberg – das wären 150.000 Euro, die nie auf privaten Konten landen. Die Silbermedaille ist also nicht nur Sport, sie ist soziale Infrastruktur.
Tv-blackout und live-retter
ARD und ZDF übertragen 120 Stunden, aber nicht alles live. Wer die Sprint-Entscheidungen um 9:17 Uhr sehen will, muss auf sportschau.de umschalten – oder auf TikTok, wo Forster und Menje bereits Clips mit Hashtag #goldrush hochladen. Die IOC-gefüllte Arena in Mailand wird nur zur Eishockey-Finale brechend voll sein; die Loipe in Tesero dagegen ist ein offenes Gelände, wo Fans mit Cowbells und selbstgebastelten Fähnchen an der Strecke stehen. Die Tickets kosten zwischen 15 und 45 Euro – ein Schnäppchen gegenüber Olympia, aber ein Vermögen für Rollstuhlfahrer, die extra Rampen und Toiletten brauchen. Die Lösung: Fan-Hubs in Freiburg und Stuttgart, wo Public-Viewing auf Leinwänden übertragen wird – organisiert von Elternverbänden, nicht vom DOSB.

Politik als nebenschauplatz
Der Nahe-Osten-Konflikt droht, die Spiele zu überschatten. Drei Delegationen – Israel, Iran und Jordanien – befinden sich noch im Luftkorridor, ihre Ankunft verzögert sich um 36 Stunden. Das IPC hat Krisenstäbe eingerichtet, die Athleten-Dörfer sind mit zusätzlichen Sicherheitskräften gesichert. Für die deutsche Truppe bedeutet das: kein gemeinsames Abendessen im Mixed-Zone-Restaurant, sondern Essen auf dem Zimmer. „Wir sind hier, um zu sporteln, nicht zu demonstrieren“, sagt Bundestrainer Christian Berge, aber hinter den Kulissen kursiert ein Zettel mit Notfall-Handynummern – für den Fall, dass die Lage eskaliert. Die Paralympics sollen politisch neutral bleiben, doch jeder Start ist ein Statement gegen Ausschluss.
Fazit: gold liegt in der geschwindigkeit der gedanken
Am 7. März um 10:03 Uhr fällt die erste Entscheidung – Para-Slalom der Damen, Klasse sitzend. Anna-Lena Forster startet als Letzte, weil sie in der Weltcup-Gesamtwertung führt. Wenn sie die Ziellinie nach 1:26 Minuten überquert, könnte sie nicht nur ihre fünfte Goldmedaille gewinnen, sondern auch die erste sein, die die neue Prämie kassiert. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist dies: 16 Sportlerinnen und Sportler aus dem Südwesten fahren nicht nur nach Italien, sie fahren gegen Vorurteile, gegen Statistiken, gegen ihre eigenen Körper. Und wenn sie zurückkommen, bringen sie nicht nur Medaillen mit – sie bringen Geschichten, die länger halten als jede Podiums-Zeremonie. Die Paralympics 2026 sind kein Nebenprodukt der Olympischen Spiele, sie sind der Beweis, dass Sport nicht die Stärke der Beine misst, sondern die Stärke des Willens. Und die ist in Baden-Württemberg gerade auf Höchstform.
