Anna-lena forster jagt in mailand-cortina die nächste krone

Anna-Lena Forster donnert mit 100 Stundenkilometern in die italienische Eiskanzel. Die 30-Jährige aus Radolfzell trägt neun Paralympics-Medaillen im Gepäck – und trotzdem kribbelt es wieder. Mailand-Cortina ist ihre vierten Winterspiele, doch die Nervosität bleibt. „Wenn du oben stehst, weißt du: Jetzt gibt’s kein Zurück“, sagt sie. Der Monoski ist ihr Thron, die Piste ihr Reich.

Die queen mit dem sekunden-takt

Die Zahlen sind absurd: 40 Weltcupsiege, 18 WM-Podestplätze, viermal Gold bei der letzten WM in Espot. Doch hinter jeder Zahl steckt ein Körper, der sich nicht an die Norm hält. Rechts Amelie, links Femurhypoplasie – die Beine sind von Gebiet an kürzer, das Skelett ein Puzzle. Kein Problem für Forster, sondern ein Auftrag: „Ich muss die Kurven noch sauberer fahren als die anderen.“

Ihr Geheimnis liegt im Detail. Stabile Oberkörperlage, früher Kantenwechsel, minimale Luftreibung. Die Gegnerinnen heißen Zhang, Liu oder Pascual Seco – alles Raketen. Doch Forster hat das bessere Timing. In der Super-Kombination trifft sie die Tore so präzise, als hätte sie die Stangen vorher angeflüstert. Slalom? Ein Schachspiel in 50 Sekunden. Abfahrt? Reine Psyche. „Je älter, desto lauter der Kopf“, lacht sie. Die Antwort: Noch schneller werden.

Bad hindelang wird zum kriegsraum

Bad hindelang wird zum kriegsraum

Seit Wochen schraubt ihr Team in den Allgäuer Bergen die letzten Zehntel heraus. Snow-Techniker schleifen Kanten, Physios zerre an Faszien, Psychologen feilen an der Selbsthypnose. Forster selbst schaut Netflix nur noch mit Startnummer 1 im Hinterkopf. „Wenn die Familie am Ziel steht, will ich nicht Silber sehen – ich will den Jackpot“, sagt sie. Fünf Rennen, fünf Mal Gold? Illusion? Vielleicht. Aber wer ihr je beim Start roch, weiß: Sie glaubt fest daran.

Die Europameisterschaft vor zwei Jahren war der Probelauf: vier Gold, ein Silber. Die Gegnerinnen fordern, die Medien nennen sie bereits „unbesiegbar“. Doch Forster weiß, dass eine einzige Fahrt alles zerreißen kann. Deshalb trainiert sie Stürze. Ja, richtig gelesen: Sie lässt sich kippen, um die Panik zu entwöhnen. „Wenn du schon im Training fliegst, schreckt dich das Rennen nicht mehr ab“, erklärt sie trocken.

Am 6. März geht los: Super-Kombination in Cortina. Zwei Tage später Slalom, dann die Speed-Disziplinen. Ihr Vater wird erstmals live am Hang stehen, die Mutter hält ein selbstgemaltes Banner hoch. Forster selbst wird nur ein paar Sekunden Zeit haben, um zu lächeln – bevor sie wieder in den Tunnel aus Eis und Adrenalin verschwindet.

Sie ist die Queen des Monoski. Mailand-Cortina ist ihr nächstes Schachbrett. Und die Krone sitzt bereits locker – sie wartet nur darauf, wieder festgedrückt zu werden.