Van der poel zockt sich zum hattrick – die verfolger schauen zu
Mathieu van der Poel lacht sich ins Fahrrad. 63 Kilometer lang ritt er allein vor dem Feld, 800 Meter vor dem Ziel war seine Kasse leer – und trotzdem gewinnt er die E3 Saxo Classic zum dritten Mal in Serie. Die Jagdgruppe liefert ihm das Geschenk, das niemand bestellt hatte: pure Selbstblockade.
Die Szenerie in Harelbeke war so grotesk, dass selbst erfahrene Direktoren sie nicht besser inszenieren könnten. Florian Vermeersch, Per Strand Hagenes, Jonas Abrahamsen und Stan Dewulf kommen auf den letzten Metern näher, sehen den Niederländer bis auf drei Sekunden heran, dann passiert – nichts. Vermeersch nimmt die Füße von den Pedalen, fordert einen letzten Mann fürs Lead-out, doch niemand will der Depp sein. „Ich fragte sie nach einer weiteren Führung, aber sie entschieden sich zu zocken“, sagt er später mit dem Blick eines Mannes, der den Jackpot verpasst hat.
Van der poels reserve reicht – die nerven der verfolger nicht
Van der Poel selbst spürt das Drohen der Fangleine nur als undeutliches Zittern in den Oberschenkeln. Er blickt ein letztes Mal zurück, sieht vier Gesichter voller Rechnen, kein Gesicht voller Risiko, und tritt noch einmal an. „Bevor ich euch zur Linie fahre“, lautet die unausgesprochene Devise dahinter, „lasse ich lieber die Beine sprechen.“ Die Beine sprechen, die Konkurrenten schweigen.
Stan Dewulf, auf Platz vier gedrängt, klingt wie ein Mann, der sich selbst beim Abschließen erwischt hat. „Florian wollte weit vor dem Ziel sprinten, aber nach so einem harten Tag wollte ich keinen langen Sprint fahren.“ Die Logik ist simpel: Wer zuerst zieht, zieht den Zorn der anderen auf sich. Wer wartet, wartet zu lange. Dazwischen liegt nur noch die Ziellinie – und die behält van der Poel.
Für Visma-Lease a Bike ist das Drama doppelt bitter: Hagenes wurde Zweiter, doch statt jubeln, erklärt er auf Norwegisch mit Abrahamsen, warum keiner von beiden fahren wollte. „Das ist Rennen fahren“, sagt er und klingt dabei, als wäre genau das das Problem.

Die lektur der niederlage liest sich wie ein lehrbuch
Die Zahl, die bleibt: 0,9 Kilometer. So knapp war der Vorsprung, als die Kooperation zerbrach. Die Moral, die bleibt: Im Radsport zahlt nicht immer die stärkste Beinpaar, sondern manchmal die kühnste Rechnung. Van der Poel schreibt sie mit 63 Kilometern Solofahrt auf, die Verfolger unterschreiben mit Schweigen.
Morgen werden sie alle wieder im Bus sitzen, die Videos laufen, die Analysten reden. Doch die Pointe ist schon jetzt klar: Wer nicht zieht, wenn er muss, zieht später nur die eigenen Tränen hinterher. Van der Poel jedenfalls trinkt sein Siegergetränk und muss nicht einmal selbst anstoßen – das erledigen die anderen schon für ihn.
