Tuchel bangt ums mittelfeld: englands wm-träume drohen zu platzen

In 75 Tagen rollt in Nordamerika der Ball – und Englands Kader wirkt wie ein Puzzle mit zu vielen Fehlteilen. Thomas Tuchel muss aus 30 Nominierten eine Startelf zimmern, die bereit ist, gegen Brasilien, Frankreich oder Argentinien zu bestehen. Die Realität: Nur vier Positionen sind besetzt, der Rest ist Sand.

Die zentrale ist ein offener wundpunkt

Phil Foden, einst Guardiolas liebster Taktgeber, saß beim Champions-League-Kracher gegen Real Madrid zweimal draußen. In der Premier League darf er nach 70 Minuten ran, wenn überhaupt. Für Tuchel ist das ein Alptraum: Er hatte den 25-Jährigen als Freiraumgestalter hinter Kane eingeplant, jemanden, der zwischen den Linien den nächsten Pass wählt, statt ihn zu spielen. Stattdessen muss der Nationaltrainer jetzt mit einem Joker planen, der seit Februar kein 90-Minuten-Spiel mehr durchlaufen hat.

Cole Palmer schoss Chelsea im Vorjahr mit 22 Toren in die Europa-League-Zone. 2024 steht er zwar wieder auf dem Platz, doch seine Torschützenkönig-Maske ist runtergefallen: Seit Januar traf er nur zweimal aus dem Spiel, beide Male verwandelte er einen Elfmeter. Die Transfergerüchte um ihn kreisen schon so laut, dass Teamkollegen ihn nach dem Training auf mögliche Klubs ansprechen. Tuchel fürchtet, dass Palmer mit dem Kopf schon in Madrid oder Paris ist, während der Ball in Miami rollt.

Verletzungspech und formtiefs setzen der defensive zu

Verletzungspech und formtiefs setzen der defensive zu

Jude Bellingham kehrte mit einer Schulteroperation aus Madrid zurück. Er wirkt ein Zahnstufen langsamer, sein einstiger Vorteil – das explosive Umschalten – fehlt. Morgan Rogers‘ Tor-Serie endete vor sieben Spielen, seitdem jagt er den Ball wie einen Fremdkörper. Auch Eberechi Eze taumelt: Bei Arsenal ist er Reservist hinter Trossard, seine Dribblings enden zu oft im Seitenaus. Tuchel spricht intern von „Risikokader“, weil er nicht weiß, welche Version der Spieler am Flughafen einsteigt.

Die Abwehr ist ein Flickenteppich. Reece James jagt die Uhr: Sehnenprobleme, Adduktoren, jetzt ein Oberschenkelriss – sein Körper ist ein Countdown. John Stones wurde von Guardiola aussortiert, sein letztes Ligaspiel datiert vom 3. März. Myles Lewis-Skelly ist 19, spielt in der U21, soll aber plötzlich WM-Startelfreife haben. Nico O’Reilly wurde links hinten reingequetscht, obwohl sein naturliches Habitat die Zehner-Position ist. Tuchel musste sich gegenüber Assistenten Anthony Barry erklären, warum er nicht auf Trent Alexander-Arnold zurückgreift – Antwort: „Weil wir sonst hinten offen stehen wie ein Scheunentor.“

Testspiele werden zur generalprobe ohne netz

Testspiele werden zur generalprobe ohne netz

Am 27. März trifft England auf Uruguay, vier Tage später auf Japan. Beide Partien gelten als Lehrgeld, nicht als Siegparade. Tuchel wird 30 Feldspieler und fünf Torhüter mitnehmen – so viele, dass die Kabine im Wembley umgebaut wurde. Hinterher muss er 11 Leute nach Hause schicken, ohne dass sie eine Minute gespielt haben. Die Botschaft ist klar: Wer jetzt nicht überzeugt, fliegt.

Die einzige Konstante bildet eine Achse aus Pickford – Guehi – Rice – Kane. Vier Spieler, die wissen, wie sich englische Erwartungen anfühlen. Der Rest ist Lotterie. Tuchel hat noch 75 Tage, um aus Puzzleteilen ein Gesamtbild zu formen, das nicht auseinanderfällt, sobald der Gegner den ersten Druck aufbaut. Die Zeit läuft, und die Insel bangt.