Rebecca passler bricht ihr schweigen: „mein traum zerbarst in sekundenbruchteilen“

Sie war weg, bevor sie überhaupt starten durfte. Die 24-jährige Südtirolerin Rebecca Passler saß in ihrer Peking-Unterkunft, als die Nachricht einschlug wie ein gefrosteter Schlagstock: positiver Doping-Befund. Blitzsperre. Olympisches Fegefeuer. Drei Tage später kam die Richtigstellung – Laborpanne, kein Verstoß. Doch die WM-Staffel war längt ohne sie gelaufen, der Massenstart zu Ende, die Saison gelaufen. „Ich war am Boden zerstört“, sagt sie nun, wochenlang habe sie geschwiegen, „weil Worte wie zersplittertes Eis auf meiner Zunge lagen“.

„Nicht einmal respekt“ – passler attackiert umgang der verbande

In einem Instagram-Beitrag, den sie selbst als „Freispruch ohne Freude“ betitelt, wirft die Antholzerin dem italienischen Skiverband vor, sie während des Verfahrens „wie eine陈列品“ behandelt zu haben. „Obendrein wurde ich nicht mit dem Respekt behandelt, den jeder Mensch verdient“, schreibt sie und lässt die Feder des Verdachts über Funktionäre schwippen. Wer genau gemeint ist, bleibt offen, doch intern gaben Bundestrainer Siegfried Mazet vor der Mixed-Staffel zu, man habe „die sportliche Planung nicht mehr riskieren“ wollen.

Die Folge: Obwohl die Sperre am 4. Februar fiel, blieb Passler in Peking – ohne Startrecht. Stattdessen fuhr sie mit dem Zug nach Zhangjiakou, schaute zu, wie Dorothea Wierer & Co. um Edelmetall zitterten. „Ich habe jeden Schuss im Fernsehen mitgeschossen, aber die Kamera hat mein Gesicht nie gezeigt. Fast wäre ich froh drum gewesen“, erinnert sie sich.

Data disaster statt medaillenrausch

Data disaster statt medaillenrausch

Der Fall Passler offenbart eine Lücke im Anti-Doping-System: Probenröhrchen wurden offenbar vertauscht, ein Software-Update löschte Abgleichsdaten. Die Internationale Prüfstelle wies den Befund zurück, doch die Hysterie war längst entfacht. „Alles, wofür ich gearbeitet hatte, jeden einzelnen Tag, Monat und jedes Jahr, fühlte sich an, als wäre es in einem einzigen Moment zerstört worden“, schreibt Passler. Die Athletin, die im Dezember noch als Staffelankerin den Weltcup-Sieg in Ruhpolding einfädelte, musste mitansehen, wie Sponsoren Anrufe stornierten und Social-Media-Kanäle mit Hasskommentaren überflutet wurden.

Mittlerweile hat sie mit Juristen ein Gutachten vorbereitet, das die zuständige National-Anti-Doping-Agentur NADO Italia auffordert, ihre internen Abläufe offenzulegen. „Ich will nicht nur meinen Namen reinwaschen, sondern verhindern, dass das Nächste betroffen ist“, sagt sie im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. Denn die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Seit 2019 kam es in der Biathlon-Welt jedes Jahr zu mindestens zwei falsch-positiven Befunden – Tendenz steigend.

Neue ziele, neues gewehr

Neue ziele, neues gewehr

Nach Wochen im mentalen Tiefschnee kehrt Passler nun auf die Loipe zurück. Seit Monten trainingiert sie mit angezogener Handbremse in Antholz, wo der Schnee bis April liegt. Der Skiverband hat sie für die Europacup-Auftaktstaffel in Sjusjøen nominiert – ein kleiner Schritt, aber kein Schulterschluss. „Ich weiß, dass manche Leute mich weiter mit dem Finger zeigen. Aber ich werde nicht mehr wegducken“, kündigt sie an. Und dann kommt der Satz, der klingt, als hätte er sich durch Wind und Gewehrfeuer gegrätscht: „Wenn ich wieder ins Ziel komme, soll niemand mehr über Doping reden, sondern über den 30-Meter-Vorsprung, den ich mir rausschieße.“

Für den italienischen Biathlon-Sport ist das Passler-Drama ein Lehrstück in Sachen Kommunikationsdesaster. Für Rebecca Passler ist es der Auftakt zu einem neuen Kapitel, das sie selbst schreiben will – unabhängig von Schiedsrichtern, Laboren und Medienlärm. Die erste Seite beginnt am 9. März in Norwegen. Wer zuhört, wird das Gerausch von Stöcken und Skaten hören – und vielleicht das leise Knirschen von Vorurteilen, das endlich verstummt.