Nagelsmann lässt undav draußen – und verstrickt sich im sturm-dilemma
Stuttgart – 4:3 gegen die Schweiz, ein Flitzer namens Wirtz, aber vorne nur Leerlauf. Julian Nagelsmann hat nach dem Sieg vom Freitagabend ein Problem, das größer ist als jedes Einzelergebnis: Er weiß nicht, wen er vorne hinstellen soll. Und weil er es nicht weiß, bleibt Deniz Undav, der heißeste deutsche Stürmer der Rückrunde, wieder auf der Bank.
Nagelsmann erklärt, warum undav nicht spielte – und klingt dabei, als würde er sich selbst überzeugen wollen
Die offizielle Begründung: Das Schweizer Spiel sei „nicht sein Format“ gewesen, zu viel Umstellung, zu wenig Ballbesitz. Klingt logisch, bis man die Zahlen aufmacht. Undav traf in 17 Bundesliga-Partien 14-mal für den VfB, liegt im Expected Goals-Ranking vor Havertz, Woltemade und even Niclas Füllkrug. Nagelsmann redet sich um den heißen Brei: „Ich habe die Wahl, einem Topstürmer, der gut drauf ist, noch mehr Selbstbewusstsein zu geben oder einen, der gerade nicht gut drauf ist, fallen zu lassen.“ Klingt wie ein Satz aus dem Psychologie-Seminar, wirkt aber wie ein Schulterzucken gegenüber der Realität.
Realität heißt: Havertz war in Genf ein Geist, Woltemade kam, sah und verschwand. Zweimal schoss Richtung Tor, ein Duell gewonnen von fünf. Havertz verlor acht von neun Dribblings, seine einzige nennenswerte Aktion war ein Laufduell mit dem Schweizer Torhüter, das kein Foul war und keine Ecke gab. Beide bekamen Minuten, um Selbstvertrauen zu tanken – Undav bekam wieder nur ein warmes Pils und die Erkenntnis, dass Form offenbar kein Ticket ist.

Das wm-kader-limit rückt näher – und mit ihm die angst, sich festzulegen
In neun Tagen gibt Nagelsmann die 26 Namen bekannt. Drei Stürmer, vielleicht vier. Füllkrug ist gesetzt, Wirtz als falsche Neun ohnehin. Bleibt ein Platz offen zwischen Havertz, Woltemade und Undav. Der VfB-Angreifer hat die bessere Quote, das bessere Timing – aber das schlechtere Kärtchen. Denn Nagelsmann hat sich in der Undav-Frage verrannt. Zuletzt sagte er, er wolle „Vertrauen“ in Spieler setzen, die „schon länger dabei sind“. Das klingt nach Hierarchie statt Leistung, nach Festtags- statt Tagesform.
Gegen Ghana am Montag in Stuttgart wird er rotieren. Die Schwarzen Sterne verloren zuletzt 1:5 gegen Österreich, werden defensiver stehen, den Ball eher hinten parken. Perfekt für einen Boxstürmer mit Kopfballstärke und Abschlussinstinkt. Perfekt für Undav. Aber wer setzt noch Geld darauf, dass Nagelsmann umschwenkt? Er selbst spricht lieber über „Systemfragen“, „Räume zwischen den Linien“ und „Vertikalität“. Dabei ist die Rechnung einfach: Ein Tor pro 104 Minuten für den VfB, ein Treffer alle 128 Minuten in Länderspielen. Undav liefert Daten, Nagelsmann liefert Erklärungen.
Am Ende bleibt ein Sturm, der sich selbst blockiert. Ein Bundestrainer, der sich selbst belügt. Und ein Spieler, der nur eins will: endlich wieder Fußball spielen statt Power-Point-Präsentationen über Systeme lauschen. Wenn Undav auch gegen Ghana draußen bleibt, hat Nagelsmann nicht nur ein Sturmproblem – er hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Denn dann zeigt sich: Wer nicht spielt, hat keine Chance. Und wer spielt, darf auch mal glänzen dürfen, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
