Nagelsmann dreht auf: woltemade rückt in die startelf – die letzten wm-tickets sind fällig

Julian Nagelsmann belohnt Torgefahr und Dauereinsatz: Nick Woltemade darf gegen Ghana von Anfang an ran – für Jamal Musiala, der in München die Knie hochlegt. Die Botschaft ist klar: Wer bis zuletzt brennt, fliegt nach Nordamerika.

Stuttgart – 20.45 Uhr, ARD live, Mercedes-Benz-Arena bis auf den letzten Platz verrammelt. Nagelsmann hat seine WM-Liste schon im Kopf, doch vor dem Stift auf Papier bleibt er flexibel. „Jeder Tag zählt“, sagte er am Rand des Trainings, und das war kein Standard-Satz. Denn mit jedem Sprint, mit jedem Pressing-Schritt schiebt sich ein Spieler in den 26er-Kader – oder raus.

Die quadratur des kaders: vier wechsel, ein signal

Alexander Nübel spielt sein erstes Länderspiel im eigenen Stadion – Heimspielgefühl meets Endspielcharakter. Der VfB-Keeper stand zuletzt 13-mal in der Europa-League-Runde der K.-o.-Phase, kassierte trotzdem nur 0,85 Tore pro 90 Minuten – beste Quote aller Bundesliga-Torhüter mit mehr als zehn Einsätzen. Oliver Baumann muss runter, ohne Makel.

Links hinten ist David Raum endlich mal nicht der Dauerläufer. Nathaniel Brown springt ein, weil seine Sprintquote (34,2 km/h) seit Januar unterschrieben steht und weil Nagelsmann den Frankfurter schon in der Jugend-Nationalmannschaft coachte. Vertrauen statt Notlösung.

Die Innenverteidigung bleibt zunächst unangetastet: Kimmich, Tah, Schlotterbeck – ein Trio, das gegen die Schweiz noch wackelte, aber mit Ball 92 % Passquote brachte. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann Nagelsmann nachlegt. „Crunchtime bei den Klubs“ nennt er das, und er meint: Kein Risiko vor dem Pokalendspiel.

Stiller vor dem tor, groß mit kapitänsbinde im kopf

Stiller vor dem tor, groß mit kapitänsbinde im kopf

Angelo Stiller hat genau 180 Minuten, um sich den Flug nach Kanada, USA und Mexiko zu erkämpfen. Nach Pavlovic-Hüfte und Nmecha-Knie ist er die Notlösung, die keiner mehr so nennt. 14 Balleroberungen gegen Gladbach, 91 % Passquote – Nagelsmann liebt Zahlen, und diese sprechen für sich. Neben ihm Pascal Groß, der diesmal die Spielverlagerung übernimmt, die sonst Musiala mit einem Trick erledigt. Groß ist 33, aber seine GPS-Daten liegen im Bundesliga-Mittelfeld über dem Durchschnitt der U-23.

Vorne herrscht Promi-Dichte. Serge Gnabry wandert vom Zentrum nach rechts, weil er dort in den letzten fünf Pflichtspielen vier Vorlagen legte. Links Florian Wirtz, der wie ein jonglierender Zauberer wirkt, aber die Statistik verrät: Er läuft 11,4 km pro Spiel – mehr als jeder andere deutsche Offensivspieler. Dazwischen Woltemade, 1,94 m, 13 Kopfballtore in dieser Saison. Musiala fehlt, doch der Stuttgarter bringt Präsenz statt Pauschalpoesie.

Havertz bleibt nine, undav bleibt hungrig

Havertz bleibt nine, undav bleibt hungrig

Kai Havertz trägt wieder die Neun – nicht, weil er 13 Tore erzielt hat, sondern weil er 32 Pressing-Sprints pro Spiel absolviert und damit Nagelsmanns erster Verteidiger vom Stürmer ist. Deniz Undav sitzt erstmal, aber der Coach versprach ihm „Minuten“. Das klingt nach Trost, ist aber ein Plan: Undavs Torquote nach Einwechslung (je 90 Minuten gerechnet) liegt bei 0,71 – besser als seine Startelf-Quote.

Die Aufstellung im Überblick: Nübel – Kimmich, Tah, Schlotterbeck, Brown – Stiller, Groß – Gnabry, Woltemade, Wirtz – Havertz. Kein Aufgebot der Stars, sondern eine Leistungsliste in Echtzeit. Denn am 12. Mai wird nicht gewählt, sondern abgehakt. Wer heute glänzt, fliegt. Wer schwächelt, schaut.

Die Arena wird kochen, die ARD wird messen, Nagelsmann wird zählen. Und Woltemade? Er könnte mit einem Doppelpack vom Leih-Stuttgarter zum Dauer-Nationalspieler werden. Die WM ist nah – man spürt sie schon im Nacken.