Wu yize rastet aus: 18-17 gegen murphy – china feiert neuen snooker-könig

Sheffield bebt. 22 Jahre alt, noch dazu ein Debütant im Crucible-Finale, und trotzdem schreibt Wu Yize um 23:37 Uhr Ortszeit die bisher irrwitzigste Kapitelüberschrift der Snooker-Geschichte. 18:17 gegen Shaun Murphy. Entscheidung erst im letzten Frame. Zweitjüngster Weltmeister aller Zeiten – und zweiter Chinese in Folge auf dem Thron.

Murphy führt, wu schlägt zurück – ein finale, das keine sieger kannte

Tag eins begann wie ein Lehrstück. Wu legt drei Frames hin, scheint immun gegen die grellen Scheinwerfer. Dann dreht Murphy auf, schraubt sich auf 4:3, verpasst aber den Knock-out vor der Nachtpause – 5:4 für den Jungen aus Zhejiang. Am zweiten Tag reicht Murphy eine Serie von fünf Frames, um erstmals richtig Druck zu erzeugen. Antwort Wu: vier Frames in Serie, 12:11. Die Arena kocht.

Die Abendsession wird zur Achterbahn. Safety-Duelle auf Weltklasseniveau, Breaks von 89, 104, 67 – beide Seiten liefern sich Schlagabtausche, als gäbe es kein Morgen. Zwischenstand: 16:16. Frame 33 dauert 52 Minuten, endet mit einem verrückten Plant der grünen über das Mittelpocket. 17:16 Wu. Frame 34: Murphy wehrt sich mit einem 58er Break, zwingt den Decider.

Der krimi von 2002 wiederholt sich – nur mit anderem helden

Der krimi von 2002 wiederholt sich – nur mit anderem helden

Niemand im Crucible erinnert sich seit 2002 an ein Finale, das im letzten Frame entschieden wurde. Damals triumphierte Peter Ebdon über Stephen Hendry. Heute ist es ein Chinese, der die rote Linie am Scoreboard überquert, während 980 Zuschauer die Luft anhalten. Wu versenkt den letzten Rosa, wirft den Queue in die Höhe, lässt sich von seinem Coach am anderen Ende der Bühne in den Arm nehmen – 18:17. Geschichte perfekt.

Die Zahlen sind nicht nur süß, sie sind brutal. Wu braucht 181 Minuten reine Spielzeit für die letzten fünf Frames, trifft 87 % der Pots, schafft fünf Century-Breaks und überholt damit genau den Mann, der vor 21 Jahren selbst das Wunderkind war: Shaun Murphy war 22 Jahre und 265 Tage alt, als er 2005 gewann. Wu ist 22 Jahre und 202 Tage – 63 Tage jünger. Nur Stephen Hendry war 1990 noch früher dran.

China umarmt den sport – und der sport umarmt china zurück

China umarmt den sport – und der sport umarmt china zurück

Vor zwölf Monaten krönte Zhao Xingtong sich als erster Asiate. Nun folgt Wu, und die Inselspieler reden nicht mehr von einem „Einzelfall“. Drei der letzten vier Turniersiege auf der Tour gingen an chinesische Akteure. „Das war kein Zufall, das ist harte Arbeit, perfekte Akademien und ein Riesenmarkt“, sagt Barry Hearn im Gang unter die Hallen. Die TV-Quoten in der Provinz Guangdong knacken während des Finals die 100-Millionen-Marke.

Murphy nickt nach der Pleite nur müde: „Ich hatte nichts mehr in der Reserve. Wu trägt diesen Sport in eine neue Dimension.“ Dabei war Murphy kurz vor dem Sieg. Er scheitert im Decider an einem safety shot aufs Gelb, liegt 28 Punkte zurück, sieht zu, wie Wu die Farben sauber abräumt. „I hate having enough“, murrt er – und meint: Er hasst es, nur fast genug gehabt zu haben.

Für Deutschland bleibt die Erkenntnis: Snooker wird jünger, schneller, asiatischer. Die Ära der Altmeister aus UK bröckelt, während China längst plant, künftig mindestens ein Major pro Jahr auf dem Festland auszutragen. Wu Yize trägt den Titel nach Hause – und wahrscheinlich auch gleich das nächste große Ziel: die Karriere-Grand-Slam-Jagd. Die Jagd beginnt morgen, die Rekordbücher sind sowieso schon neu zu drucken.