Klaus schäfer: mathe-nachhilfe, nagelsmanns anruf – und plötzlich nationalspieler

Ein Telefon klingelt in Herzogenaurach. Am anderen Ende: Julian Nagelsmann. Der 18-jährige FC-Bayern-Flügler Lennart Karl hebt nicht ab – er sitzt in Mathe-Nachhilfe. Fünf Minuten später ruft er zurück, und sein Weltbild kippt: Er ist Teil des DFB-Kaders für die Länderspiele gegen die Schweiz und Ghana.

Der lehrer blieb im fokus, der bundestrainer warten

Nagelsmann lobt genau das. „Ich hätte ihn geschimpft, wenn er sofort rangegangen wäre. Die Wertigkeit, was der Lehrer sagt, ist wichtiger als das, was der Bundestrainer sagt.“ Ein Satz, der in Zeiten von Tickern und Social-Media-Reflexen fast schon wie ein Relikt klingt – und genau deshalb gewichtig ist. Denn Karl tickt eben nicht wie viele 18-Jährige, die Instagram priorisierten. Er schob den Rückruf nach, bis die Bruchrechnung beendet war.

Die Episode passt ins Bild eines Jugendlichen, der sich selbst noch in der Entwicklung sieht. Vor vier Jahren kickte er für Viktoria Aschaffenburgs U15. Heute fährt er ein Sponsoren-Auto der Bayern, zieht demnächst aus dem Klub-Internat in eine Stadtwohnung und hat den Führerschein in der Tasche. „Man fühlt sich einfach ein bisschen freier“, sagt er, „auch wenn mir meine Eltern immer noch sagen, was ich machen soll und was nicht.“

Real-madrid-bekenntnis und die quengelei danach

Real-madrid-bekenntnis und die quengelei danach

Klarheit bewies er auch, als er im Winter offen auspackte: Sein Traumverein heiße Real Madrid. Vincent Kompany nannte das einen „kleinen Kommunikationsfehler“, Karl trat zum klassischen Bußgang an. Im April trifft der Rekordmeister im Viertelfinale der Champions League auf die Königlichen – Gelegenheit, die eigene Visitenkarte zu aktualisieren, sofern Kompany ihn spielen lässt.

Denn der Alltag ist rauer geworden. Seit Jamal Musialas Rückkehr rutste Karl auf die Bank. Sein letztes Bundesliga-Tor datiert auf Mitte Januar. Die Minuten sind knapp, die Unbekümmertheit verflüchtigte sich kurz. Gegen Atalanta (4:1) zeigte er sich dennoch mutig, Joshua Kimmich attestierte ihm, „auf dem Platz einfach mutig“ zu sein. Nun folgt der nächste Schritt: Nationalteam, erste Reise, erste Prüfung.

Wm-ticket oder nachhilfe im turbo

Wm-ticket oder nachhilfe im turbo

Karl selbst erwartet sich nichts geschenkt. „Ich mache mir gar keinen Druck“, sagt er. „Ich spiele meinen Fußball runter, und dann hoffe ich mal, dass es gut klappt. Und dass ich bei der WM dabei bin.“ Es klingt wie die nüchterne Variante jugendlicher Leichtigkeit – gemischt mit dem Bewusstsein, dass jede Trainingseinheit eine Mathe-Nachhilfe sein kann: Wer die Aufgaben löst, kommt weiter.

Die DFB-Elf zählt intern längst nicht mehr zu den Top-Favoriten auf den Titel. Umso mehr setzt Nagelsmann auf Impulse von außen, auf Spieler, die mit dem Herzen stochern, statt mit der Taktik zu rechnen. Karl bietet genau diese Option. Wenn er in Herzogenaurach trainiert, wirkt er wie ein Lehrling, der die Meisterprüfung vor sich hat – nur dass die Fragen diesmal nicht aus Integral- oder Wahrscheinlichkeitsrechnung stammen, sondern aus dem Lehrbuch der Großkopferten.

Nach dem Mathe-Debakel folgt also die nächste Klausur – diesmal in Grün. Die Chancen stehen gut, dass er auch diese Aufgabe besteht. Denn wer schon einmal Nagelsmann warten lässt, um eine Gleichung zu lösen, für den ist ein Elfmeter unter Druck vermutlich halb so wild.