Kimmich wirft vor dem wm-jahr die bremse raus
Joshua Kimmich schaltet früher als alle anderen in den Endspiel-Modus. Zum ersten Mal seit 2014 will Deutschland eine WM überstehen – und der 31-jährige Kapitän fährt privates Tempo.
Herzogenaurach. 09:30 Uhr, Home Ground. Kimmich betritt das Podium, zieht die Kapuze runter und legt los. Kein „Wir schauen Spiel für Spiel“, kein „Wir haben Zeit“. Stattdessen: „Meine Erwartungshaltung ist, dass jeder Vollgas gibt.“ Satz eins. Punkt. 24 Minuten später steht das WM-Manifest.
Warum die länderspiele im märz plötzlich endspiele sind
In den Klubs wird noch um Pokäle gezittert, auf dem Campus von Adidas regiert schon die Endphase. Der DFB-Tross hat sich versiegelt, die Uhr läuft rückwärts: 180 Tage bis Saudi-Arabien. Kimmich weiß, dass sich Gruppencharakter nicht in der letzten Woche vor dem Flug entwickelt. „Wir wollen jetzt zwei mal 90 Minuten zeigen, dass wir ein Team sind, das auch funktioniert, wenn’s brennt.“
Den Maßstab hat er selbst geliefert: Leipzig, November, 6:0 gegen die Slowakei. „Jeder hat gespürt, dass die Art und Weise eine andere war.“ Er spricht von Laufwegen, von Sprintverweigerern, von Selbstverständlichkeiten, die sich plötzlich wieder anfühlen wie 2014. Die Basis soll diese Tage werden, nicht der Kader vom Papier.

Rüdiger ist kein politikum, er ist real madrid
Kimmich weiß, dass seine Mannschaft außerhalb Deutschlands als Außenseiter gilt. „Wir zählen bei der WM nicht zu den Top-Favoriten.“ Die Wunde sitzt tief. Russland, Katar – beide Male Heimflug nach der Vorrunde. Der Kapitän dreht den Spieß um: „2018 hatten wir einen der besten Kader der Welt. Und wir alle wissen, wohin uns das geführt hat.“
Jetzt zählt Team, nicht Talent. Deshalb schaltet er durch, als die Frage nach Antonio Rüdiger kommt. Der Innenverteidiger wird in Spanien gefeiert, in Deutschland diskutiert. Kimmich zuckt nicht. „Wir vergessen mitunter, was Toni in den letzten Jahren bei Real Madrid abgeliefert hat.“ Satz, Basta. Er nennt Rüdiger „unseren Fels“ und meint: Wer Champions-League-Sieger nicht braucht, braucht keine Trophäe.
Die Verletztenliste wächst – Musiala, Nmecha, Pavlovic –, doch Kimmich dreht keine Opferrolle. „Diese Spiele sind für unsere Entwicklung ganz wichtig.“ Er sagt es so knapp, als wäre jedes weitere Wort Verschwendung. Die Botschaft ist angekommen: Jetzt zählt nur noch, wer Gas gibt.

Die wm-tickets werden in basel und stuttgart vergeben
Am Freitag folgt die Schweiz, drei Tage später Ghana. Beide Spiele sind Testspiele auf dem Papier, Endspiele im Kopf des Kapitäns. „Wir wollen da sein, wenn es drauf ankommt.“ Die Uhr tickt, das Thermometer steigt – und Kimmich hat die Bremse schon rausgeworfen.
