Julia scheib jagt in åre die kugel und beendet eine dekade des wartens
Fast zehn Jahre hat es gedauert. 79 Riesenslaloms ohne Sieg. Ein ganzes Ski-Jahrzehnt, in dem Österreichs Technik-Frauen vor allem eins waren: chancenlos. Jetzt könnte Julia Scheib am Samstag in Åre alles auf einmal erledigen: Sieg, Kugel, Geschichte.
Die last der nullserie
Die Zahl war mehr als eine Statistik – sie war ein Mahnmal. Eva-Maria Brem holte 2016 die letzte große Kristallkugel im Riesenslalom für den ÖSV, danach folgte nichts. Die besten Plätze: Platz fünf, Platz sieben, Platz zehn. Die besten Tage: verregnet, verpatzt, vergessen. Julia Scheib selbst fuhr sieben Weltcup-Podestplätze, aber nie ganz oben. Bis Sölden. Als sie am Rettenbachferner die rote Siegnummer angezeigt bekam, hatte sie nicht nur den Lauf gewonnen – sie hatte eine ganze Generation entlastet.
Die 27-Jährige war plötzlich keine Außenseiterin mehr, sondern die feste Anwärterin auf die kleine Kugel. Und sie spürt: Die Erwartung ist kein Maulwurf, sondern ein Adler. „Ich bin nicht jemand, der wegläuft“, sagt sie. „Ich will, dass es ankommt.“

Brem sieht eine „brutal privilegierte“ lage
Eva-Maria Brem schaut vom Zuschauerrand aus und nickt. „Julia muss niemandem hinterherfahren, sie muss niemanden zittern lassen“, sagt sie. „Sie kann es selbst machen. Das ist ein Geschenk.“ Brem kennt die andere Seite: 2015 musste sie in Meribel auf Fehler der Konkurrenz hoffen, um die Kugel zu kriegen. Scheib kann in Åre mit einem Top-3-Resultat den Sack zubinden. „Das ist keine Last, das ist eine Belohnung“, sagt Brem. „Wer sich jahrelang verbiegt, darf sich auch mal kräuseln.“
Dabei sei Scheibs Weg kein Sprint, sondern ein Marathon durch Zweifel, Materialchaos und Verletzungen. Brem erinnert sich an interne Berichte, in denen steht: „Technisch top, mental noch wackelig.“ Die Fähigkeit, zwischen den Läufen Ski und Bindung umzustellen, sei der Unterschied zwischen damals und heute. „Früher hat sie gejammert, heute justiert sie“, sagt Brem trocken.
Die lücke, die niemand schließen wollte
Warum zehn Jahre? Brem schiebt den Daumen Richtung Nachwuchs. „Wir haben vergessen, die zweite Reihe bei Stimmung zu halten“, sagt sie. „Wenn du nie bei Weltmeisterschaften fahren darfst, fragst du dich irgendwann, warum du überhaupt noch Gas gibst.“ Die Folge: Talente wie Stephanie Brunner oder Ricarda Haaser wechselten ins Ausland, andere schalteten auf Social-Media-Modus, statt auf Sieg. Scheib blieb, weil sie in Imst ohne Alternative war. „Ich wollte beweisen, dass man auch aus dem Tal kommt, wenn man nicht aus dem goldenen Kader kommt“, sagt sie.
Der ÖSV habe gelernt: Ein Sieg kostet nicht nur Geld, sondern Geduld. Die neue Devise: „Erst die Psyche, dann die Ski.“ Sportdirektor Christian Moser spricht offen von „mentaler Fitness“ als Leistungskriterium. Scheib war die erste, die statt eines neuen Paar Ski einen Mentaltrainer bekam.
Szenario åre: zwei läufe, ein ziel
Die Formel ist simpel: Liegt Scheib nach dem ersten Durchgang vorne, wird Åre zur Kugel-Party. Liegt sie hinten, wird es zur Nerven-Feile. Die Konkurrentinnen heißen nicht mehr Shiffrin oder Brignone, sondern Alice Robinson und Thea Louise Stjernesund – Athletinnen, die ebenfalls noch nie eine Kugel berührten. „Das macht es nicht leichter“, sagt Scheib. „Die wollen auch endlich was holen.“
Die Wetterprognose: Schneefall in 48 Stunden, minus acht Grad, harte Piste. Perfekt für ihre lange, kraftvolle Technik. Die Zahlen sprechen für sie: Dreimal Podest in den letzten vier Riesenslaloms, 28 Prozent mehr Speed in den Zwischensprints als noch vor zwei Saisons. Die einzige Konstante: Ihr Vater Peter steht wie immer am Streckenrand mit der Startnummer in der Hand – und ruft: „Lass los, sonst wird’s nie leichter.“
Die Kugel steht schon im Zielraum, poliert und griffbereit. Es wäre die erste für ein österreichisches Frauen-Riesentorlauf-Team seit 17 Jahren. Scheib selbst will nicht von historischen Schritten sprechen. „Ich will nur, dass die Nummer eins am Ende meine ist“, sagt sie. Und wenn es klappt? „Dann trinke ich den ersten Spritzer auf die 79, die vor mir ins Leere liefen.“ Ein Toast auf die Vergangenheit – und auf die Zukunft, die endlich wieder österreichisch klingt.
