Warum evaristo beccalossi nie das azzurri-trikot trug – und andere italienische ausnahmetalente
Evaristo Beccalossi ist tot, und mit ihm schwindet ein Stück italienische Fußballromantik. Der Zehner, der zwischen 1978 und 1984 die Inter-Kurve verzauberte, starb mit 68 Jahren – ohne jemals für die Nazionale aufgelaufen zu sein. Keine Minute, kein Joker-Einsatz, nicht mal ein Kurzauftritt. Dabei war er der Inbegriff des fantasievollen Spielmachers: Übersteiger, No-Look-Pässe, Tore aus unmöglichen Winkeln. Die Tifosi liebten ihn, der Nationalcoach ignorierte ihn.
Bearzots vorwurf: „er frisst die energie der mitspieler“
Enzo Bearzot, der Weltmeister-Coach von 1982, hielt Beccalossi für „nicht gruppenfähig“. Das sagt heute mehr über Bearzots Systemdenken als über den Spieler. In jener Ära gehörte die Nummer 10 Giancarlo Antognoni, der strahlende Herzstück von Florenz. Bearzot fürchtete, Beccalossis Individualismus würde die taktische Disziplin sprengen. Der Vorwurf lautete: „Er verteidigt nicht.“ Beccalossi konterte später mit bissigem Humor: „Ich habe ihm fast den Hals umgedreht – dann haben wir den Pokal geholt, und ich habe geschwiegen.“
Die Zahlen sprechen trotzdem für ihn: 102 Serie-A-Tore, 28 in der Coppa Italia, unzählige Assists. Und doch blieb die Under-21 mit zwei Einsätzen und der Olympia-Kader mit vier Spielen seine einzige Berührung mit dem blauen Trikot. Ein Jahrhundert-Schnitzer? Auf jeden Fall ein Zeitdokument über italienische Sturheit.

Virdis, di bartolomei, di canio – das versteckte who-is-who ohne azzurri-logo
Beccalossi ist kein Einzelfall. Pietro Paolo Virdis schoss 102 Liga-Tore, gewann 1989 die Europapokal der Landesmeister mit Milan – und durfte höchstens bei Olympia 1988 ran. Agostino Di Bartolomei, Romes Kampfschlächter im Mittelfeld, wurde 1983 italienischer Meister, stand 1984 im Endspiel des Europapokals, blieb aber bei gerade einmal acht U-21-Länderspielen stecken. Paolo Di Canio wiederum sammelte in den 90ern neun Mal die U-21-Cappe, sah aber nie das große Licht: Baggio, Totti, Del Piero, Zola – das war keine Konkurrenz, das war ein Gefängnis aus Klasse.
Heute würde ein Spieler wie Beccalossi längst mit Daten, Expected Goals und Pressing-Resets rehabilitiert werden. Damals zählte nur die Devise: System vor Kreativität. Die Folge: Ein ganzes Jahrzehnt italienischer Fußballkultur blieb ungeschrieben, weil eben jene Spieler, die das Spiel beschönigen wollten, nie die Bühne bekamen.
Beccalossi selbst nahm es mit Galgenhumor. 2000 blickte er zurück: „Ich trainierte wenig, rauchte Marlboro, und trotzdem wollte das Stadion mich sehen. Bearzot hatte recht – ich passte nicht ins Team. Aber ich passe ins Herz der Leute.“ Dort wird er bleiben, auch wenn die Statistik null A-Länderspiele verzeichnet. Manchmal sagt eben gerade das alles.
