Jacquelin steigt ins rennrad-team von décathlon ein: ein spiel mit dem feuer oder der schlüssel zu gold 2030?
Emilien Jacquelin tauscht ab 1. Mai für sechs Monate das Gewehr gegen ein Rennrad – und macht damit genau das, was seine Konkurrenten nicht wagen: er riskiert alles, um 2030 in den heimischen Alpen wieder ganz oben zu stehen.
Die Meldung kam am späten Samstagabend wie ein Schuss ins Schwarze. Der 30-jährige Staffel-Olympiasieger von Mailand/Cortina unterschreibt beim Entwicklungsteam von Décathlon CMA CGM, trainiert fortan mit Radsportlern statt mit Schneekanonen und erklärt im exklusiven Eurosport-Gespräch, warum er sich auf dieses „verrückteste Kindheitstraum“ einlässt.
Der ehrliche blick aufs podest
Jacquelin ist 2026 der Mann mit den drittmeisten Podien, aber keinem einzigen Sieg. „Vielleicht hilft es mir, die Siege nicht ganz so knapp zu verpassen“, sagt er und klingt dabei weniger nach Ausrede als nach ehrlichem Selbstgespräch. Der Franzose will lernen, wie man Attacke und Antritt im Radsport dosiert – und diese Mikro-Taktik auf die Loipe überträgt. „Ein Schritt zurück, dann zwei nach vorn“, nennt er das.
Die Rechnung ist simpel: wer im Peloton die Lücken liest, kann auch auf der Schießanlage die Nerven besser kontrollieren. Die Frage ist nur, ob sich ein Hochleistungskörper nach zehn Jahren Biathlon so einfach umschalten lässt.

Pantanis erbe und die angst vor dem stillstand
Seit einem Jahr trägt Jacquelin den silbernen Ohrring des verstorbenen Marco Pantani – ein Talisman gegen den inneren Stillstand. „Il Pirata“ war Radsportler, Wahnsinniger, Idol. Jacquelin will sich mit 30 nicht in Sicherheit wiegen, sondern das Gefühl neu entfachen, das ihn als Juniorenläufer nachts auf die Loipe trieb. Dafür ist er bereit, sich beim Radteam die Seele aus dem Leib zu fahren und dabei möglicherweise das eine oder andere Biathlon-Training zu verpassen.
Die Stimmen aus dem Lager des Französischen Verbands bleiben voreren diplomatisch. Intern aber wissen sie: Verliert Jacquelin in den Monaten ohne Schnee den Anschluss, könnte der Olympia-Traum 2030 zerbrechen. Gewinnt er hingegen neue Ausdauer, neue Schärfe, neue Mentalität, zieht er alle anderen mit sich in den Strudel.

Die daten, die zählen
Seit der Saison 2022/23 steigerte sich Jacquelins Trefferquote im Schießen von 83 auf 88 Prozent – stabil, aber nicht spektakulär. Seine Ski-Geschwindigkeit lag zuletzt durchschnittlich 0,7 Sekunden hinter Top-Wert Sturla Lägreid. Genau diese Lücke will er mit Rad-Intervallen, mit neuen Ernährungsmethoden und mit dem Blick über den Tellerrand schließen.
Der Zeitplan ist eng: nach den sechs Monaten folgt die Vorbereitung auf die Weltcup-Saison 2026/27. Dann muss sich zeigen, ob die Kilometer auf Asphalt sich in Podestplätzen verwandeln. Sollte es funktionieren, dürfte die Methode Jacquelin Schule machen – und der Sportwelt zeigen, dass manche Risiken eben doch kalkulierbar sind.
Am Ende bleibt ein Satz, den er selbst zwischen zwei Sprint-Intervallen murmelte: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – und wer nur wagt, um zu verlieren, hat schon verloren.“ Für Jacquelin zählt jetzt nur das Ergebnis auf der Uhr – und auf der Anzeigetafel in 2030.
