Indurain blickt zurück: der mythos lebt, der sport hat sich verändert
Miguel Indurain steht im Schatten der Sagrada Família, und die Uhr tickt. Noch 100 Tage, dann startet der Tour de France in Barcelona – erstmals seit 1962 wieder auf spanischem Boden. Der Mann, der das Rennen fünfmal in Folge dominierte, spricht leise, fast wie ein Geheimnis. „Das ist kein Déjà-vu“, sagt er, „das ist ein Neuanfang.“
Der zeitfahrkönig, dem die zeit davonläuft
Früher war die Contrarreloj sein Reich. 65 Kilometer allein gegen die Uhr, kein Gegner kam vorbei. Heute? „Maximal 25 Kilometer, meist kürzer“, sagt Indurain und zuckt mit den Schultern. „Die TV-Quoten regieren.“ Die Logik ist gnadenlos: Einzelzeitfahren liefern keine Bilder, die Masse jubelt nicht an der Straße. Also kürzt man die Disziplin, die einst Könige machte. Ein Stück Seele verkauft für Klicks.
Pogacar? „Mutig, fast rücksichtslos“, lobt Indurain, aber seine Stimme wird scharf. „Er jagt den fünften Sieg, doch Evenepoel und 20-Jährige beißen sich fest. Die Lücke wird enger, das Ziel ist kleiner.“ Die neue Generation tritt ans Limit, bevor der Alte es überhaupt sieht.

Barcelona als startort: show statt sport?
Die erste Etappe führt durch die Stadt, dann über die Küste Richtung Pyrenäen. Indurain schaut nicht mehr aufs Profil. „Früher kannte ich jede Schramme des Asphalts. Heute reicht mir das GPS.“ Trotzdem zieht ihn die Strecke magisch an: Teamzeitfahren auf den Boulevards, Wind bei Tarragona, Steigungen im Empordà – alte Bekannte, neue Regeln. „Katalonien ist hart, das wissen wir seit der Vuelta a Catalunya. Wer hier überlebt, kann in den Alpen mithalten.“
Die Frage bleibt: Wen interessiert das noch? Die UCI verkauft Spektakel, nicht Sport. Indurain nickt, aber seine Augen verraten Wehmut. „Die Leute wollen Spektakel, nicht Stoppuhren.“
Ein mythos, der nicht erklären muss
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Der Sport, den Indurain beherrschte, existiert nur noch in Archivvideos. Die Helden von damals würden heute als zu langsam gelten. Indurain lacht – ein leises, fast verschämtes Geräusch. „Ich bin Geschichte. Aber Geschichte hat ihren Preis.“ Er dreht sich um, verschwindet zwischen Touristen und Selfiesticks. Die 100 Tage bis zum Start zählen herunter, und niemand fragt mehr nach der Uhr, nur noch nach der Show.
