Nagelsmann wirft havertz in die vollen: schweiz-test wird wm-feuerprobe

76 Tage vor Katar zündet Julian Nagelsmann die nächste Stufe: Keine Testreihe mehr, keine Geduldsspielchen. Gegen die Schweiz in Basel treten die DFB-Kicker in ihrer WM-Startformation an – mit Kai Havertz, der nach 491 Tagen Pause wieder von Beginn an ran darf.

Die Botschaft ist laut wie der St.-Jakob-Park am Freitagabend. Einspielen statt experimentieren, lautet die Marschroute. Dahinter steckt die Erkenntnis der vergangenen Monate: Jede Minute, in der die Abstimmung fehlt, kann in Katar tödlich sein. Deshalb setzt Nagelsmann auf Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck als feste Doppel-Sechs im Zentrum, auf Angelo Stiller als Ersatz für den verletzten Aleksandar Pavlovic – und auf Havertz, der als falsche Neun die Angriffsreihe anführen soll.

Blaues trikot, roter faden: die neulinge erobern die bühne

Lennart Karl dürfte sein Debüt feiern. Der 19-jährige Bayern-Juwel trainierte gestern erstmals mit der A-Elf. „Lenny soll nicht denken, er müsse das Spiel allein drehen. Er soll seine Jugend auf den Rasen bringen und einfach das machen, was er in München schon zeigt“, forderte Nagelsmann. Der Bundestrainer will Frische statt Verkrampfung – ein Kompromiss zwischen Erfahrung und unbedarfter Power.

Das neue blaue Auswärtstrikot kommt ebenfalls zum Einsatz. Die Farbe polarisiert, doch für Nagelsmann ist sie ein Symbol: Abschied von der alten EM-Truppe, Start in eine neue Ära. Die Spieler bekamen das Design erst vor zwei Tagen präsentiert, die Reaktionen schwanken zwischen „krass“ und „kultig“. Wichtiger ist, was drinsteckt: eine Mikrofaser, die laut Hersteller 3 % mehr Sprintkraft sparen soll. Ob’s hilft, zeigt sich gegen die Schweiz.

Kimmich warnt: „kobel und xhaka sind gift für ballbesitzteams“

Kimmich warnt: „kobel und xhaka sind gift für ballbesitzteams“

Joshua Kimmich schüttelt beim Gedanken an das EM-Duell gegen die Eidgenossen den Kopf. „Das war ein sehr unangenehmes Spiel für uns“, erinnert er sich an das 1:1 in Frankfurt. Die Schweiz presste früh, spielte ruppig, ließ keine Linie offen. Besonders Gregor Kobel hielt mit Reflexen alles raus, was an diesem Tag an ihm vorbeiging. „Wir erwarten wieder einen harten Gegner, der uns fordern wird“, sagt Kimmich und verspricht: „Diese Zeit ist vorbei, in der wir uns von körperlicher Präsenz überrumpeln lassen.“

Dahinter steckt auch ein Stück Selbsttherapie. Die DFB-Elf hat in den vergangenen Monaten gelernt, dass schöner Ballbesitz ohne Durchsetzungskraft nicht reicht. Deshalb trainierte Nagelsmann diese Woche Drei-gegen-Drei-Situationen auf engstem Raum, deshalb ließ er die Mannschaft nach Fehlpassen sofort sprinten. Die Devise: Ballverlust ist OK, Nachlaufen ist Pflicht.

Personell wird es eng. Jonas Urbig fällt mit einer Kapselverletzung aus, Oliver Baumann steht im Tor. Antonio Rüdiger droht die Bank, doch der Real-Verteidiger will sich nicht beklagen: „Wenn Julian mich braucht, bin ich da – Startelf oder Einwechselspieler, egal.“ Das ist die neue Kultur: Konkurrenz statt Komfort.

Nach dem Schweiz-Spiel geht’s am Montag gegen Finnland. Zwei Siege würden 180 WM-Tage Punkte bedeuten – und der nötigen Selbstwirksamkeit vor dem Turnier. Nagelsmann hat die Rechnung aufgemacht: Wer jetzt nicht liefert, fliegt im Winter raus. Die Uhr tickt. Die WM rückt näher. Und Basel ist der erste richtige Test.