Italien vor historischer sechs-nationen-premiere – cardiff darf nur ein zwischenstopp sein

Cardiff in Aufruhr, Rom in Ekstase: Wenn die Azzurri am Samstag die Millennium-Stürmerei mit 80.000 Waliser-Sirenen überstehen, schreibt Quesadas Truppe eine Zahl in die Annalen, die selbst Sergio Parisse nie erreichte – drei Siege aus fünf Spielen, der beste Six-Nations-Zyklus aller italienischen Zeiten.

Quesada dämpft den jubel: „der sieg gegen england zählt null“

Der argentinische Taktiker wirkt wie ein Mann, der gerade die Lottozahlen kennt, aber den Schein noch nicht eingelöst hat. „Wir haben Geschichte geschrieben, ja. Aber Geschichte interessiert morgen niemanden mehr“, sagt er in der Zoom-Runde mit italienischen Reportern, während hinter ihm ein Statistikassistent die Abschlusstabelle simuliert. „Wales muss gewinnen, sonst fliegt ihnen der ganze Laden um die Ohren. Das macht sie gefährlicher als jede englische Gala.“

Die Fakten sprechen für sich: Italien gewann die letzten beiden Partien gegen die Drachen, 2024 erstmals überhaupt in Cardiff. Doch diesmal tragen sie das Etikett des Favoriten – ein Anzug, der in der Vergangenheit immer zu groß wirkte. „Wir haben gelernt, mit Erwartungen zu leben“, sagt Kapitän Michele Lamaro, dessen Stimme noch heiser ist vom letzten Schlachtruf gegen England. „Die Spannung ist da, klar. Aber sie sitzt im Nacken, nicht mehr in den Knien.“

Notoperationen in der stamm-elf: ferrari fällt aus, hasa rückt auf

Notoperationen in der stamm-elf: ferrari fällt aus, hasa rückt auf

Zwei Wechsel erzwingt die Medizin: Marco Zambonin laboriert an einer Hüftprellung, Simone Ferrari an einer Halswirbel-Distorsion. Rein in die Start-15 rutschen der erfahrene Federico Ruzza und der 22-jährige Muhammed Hasa – erst zweiter Startelfeinsatz, aber längst kein Rohdiamant mehr. „Er trainiert seit Wochen auf Pro-Niveau“, schwärmt Quesade. „Wir belohnen Leistung, keine Visitenkarten.“

In der Halbposition kehrt Alessandro Fusco zurück, während Stephen Varney erstmals in diesem Turnier auf der Bank sitzt – ein Luxus, den Italien sich früher nie leisten konnte. Das Restprogramm liest sich wie ein Who-is-Who des neuen Selbstvertrauens: Paolo Garbisi steuert die Choreografie, Ange-Ignacio Brex und Tommaso Menoncello bilden das zentrale Brennpunkt-Paar, das bisher 78 % der Defensivtackles gewann.

Wales setzt auf dieselbe startformation wie gegen irland

Wales setzt auf dieselbe startformation wie gegen irland

Coach Matt Taylor setzt erneut auf Louis Rees-Zammit, den Speedster, der nach seinem NFL-Ausflug wieder in die 15er-Welt zurückgekehrt ist. „Wir wollen die Leistung, nicht das Ergebnis kontrollieren“, betont er – eine Phrase, die in Cardiff derzeit wie ein Mantra kursiert. Doch die Zahlen nageln die Waliser an den Pranger: kein Sieg im Turnier, Platz fünf hinter Schottland, und eine Punktdifferenz von minus 42. „Wenn wir 60 Minuten die Standards gewinnen, kriegen wir auch den Resultatscheck“, glaubt Kapitän Dewi Lake.

Die italienische Analyse liefert ein klares Bild: Wales gewann nur 38 % der eigenen Ballkontakte im Sechsrücken, Italien dagegen 54 %. Die Drohung kommt von außen – Rees-Zammit und Josh Adams laufen 9,3 Meter pro Trage, bevor der erste Verteidiger sie berührt. „Wir müssen ihre Geschwindigkeit in die Seitenauslinie drängen“, fordert Quesada. „Dort, wo der Ball tot ist, sind auch ihre Fans es.“

Die stunde der wahrheit für zwei rugby-kulturen

Die stunde der wahrheit für zwei rugby-kulturen

Kick-off 17.40 Uhr Ortszeit, die Millennium-Stadium-Decke geschlossen, 70 Tonnen Stahl und Membran, die den Druck nach oben zurückwerfen. Draußen tobt ein Land, das zwischen Fußball-Euphorie und Rugby-Identität schwankt. Drinnen stehen sich zwei Teams gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten: eine Mannschaft, die endlich liefern will, was Jahrzehnte versprochen wurde, und eine andere, die verhindern muss, dass ihr ganzes System kollabiert.

Italien hat die Chance, sich aus dem Schatten des ewigen Außenseiters zu befreien. „Wenn wir das machen, redet keiner mehr von ‚fast‘ oder ‚bald‘“, sagt Brex. „Dann reden alle nur noch von 2025 – und von uns.“

Die Zahme ist vorbei. Cardiff wird zum Schauplatz einer sportlichen Revolution – oder zum Alibi für eine weitere Schicksalsniederlage. Eines ist klar: Nach dem Schlusspfiff zählt nur ein Resultat, und das steht in dicken schwarzen Buchstaben auf dem Scoreboard. Alles andere ist Literatur.