Uruguay erobert das giro-sternenmeer: thomas silva schreibt geschichte in rosa
Veliko Tarnovo – ein Name, der ab sofort in jedem uruguayischen Schulbuch steht. Mit einem letzten Sprint hat Thomas Silva auf den Kopfsteinen der bulgarischen Zitadellenstadt nicht nur die zweite Etappe des 107. Giro d’Italia gewonnen, sondern seine Heimat zum ersten Mal auf die ewige Siegerliste der Corsa Rosa gepflanzt. Die maglia rosa flattert fortan über dem Río de la Plata – und niemand dort will sie zurückgeben.
Der vater schreit, das handy glüht
Alvaro Silva hält zwei uruguayische Fahnen, seine Stimme ist weg, seine Augen nicht. „Das Telefon kocht“, sagt er, während Sohn Emiliano neben ihm versucht, das alles zu filmen und dabei selbst zu weinen. Großvater José war es, der Thomas aufs Rad setzte, weil er selbst früher die staubweiten Straßen von Florida durchpflügte. Drei Generationen, ein Rad, ein Traum – heute Realität.
Silva selbst wirkt wie nach einem Sturz aus großer Höhe: benommen, aber lachend. „Ich muss noch ankommen“, sagt er auf dem Podium, die Rosa über der Schulter wie ein Schultertuch aus Seide. „Meine Familie ist hier, das ist kein Tag, das ist ein Universum.“ Dabei wollte er als Kind Fußballerwerden, zwischen 12 und 13 sogar zwei Jahre lang nur mit dem Ball am Fuß unterwegs. „Aber das Rad rief lauter“, gibt er zu.

Christian scaroni liefert die halbe maglia
Was die Kameras nicht zeigen: Im Windschatten des Brescianers Christian Scaroni fuhr Silva die letzten 30 Kilometer wie auf Schienen. Scaroni riss Pellizzari und Vingegaard zurück, öffnete den Vorhang für den Sprung des Südamerikaners. „Die Hälfte dieser Rosa gehört ihm“, sagt Silva und klopft seinem Teamkollegen auf die Schulter. Astana-Qazaqstan, italienisch geprägt wie eh und je, feiert damit den zweiten Etappensieg binnen 24 Stunden – und weiß, dass sie jetzt ein ganzes Land hinter sich haben.
Die Zahlen sprechen Bande: 3.800 km Luftlinie liegen zwischen Montevideo und Veliko Tarnovo, aber die Nachricht brauchte nur 30 Sekunden, um in jedem Radio Uruguayos zu sein. In der Hauptstadt hupten Busse, in Punta del Este klatschten Surfer mit den Brettern aufs Wasser. Selbst Luis Suárez, Silvas Idol neben Wout van Aert, postierte ein Foto des neuen Rosa-Trägers – mit der Flagge im Hintergrund.

Die berge warten, und mit ihnen die frage
Morgen geht’s nach Sofia, 2.400 Höhenmeter auf dem Programm. Silva ist kein Suárentyp, er ist ein Kletterer, 1,78 m, 63 kg, kaum Fett, viel Lunge. Die Maglia rosa wiegt 180 Gramm, auf den Gipfeln der Balkankette wird sie schwerer. „Ich will sie nach Italien tragen, ja“, sagt er, „aber ich will sie auch dort behalten.“
Uruguay feiert heute Nacht durch, aber die Jury der Straße tickt anders. Wenn Silva in der vierten Etappe das erste Mal über 1.000 Meter steigt, wird sich zeigen, ob die Geschichte von Veliko Tarnovo ein Kapitel oder ein ganzes Buch wird. Eines steht fest: Wer heute Rosa trägt, trägt auch ein ganzes Land – und das ist leichter gesagt als geradelt.
