Woltemade versenkt sich, undav rettet deutschland: die wm-wahrheit steht auf der bank

Christian Schneider, TSV Pelkum – Stuttgart. 75 Minuten lang war Nick Woltemade der Mann, den Julian Nagelsmann brauchte, um seine System-Frage zu beantworten. Nach 75 Minuten war er der Mann, den niemand mehr brauchte. Die Pfiffe, die ihn begleiteten, als er den Rasen verließ, klangen wie ein vorläufiges Karriere-Aus. Denn wer in der Nationalmannschaft seine Chance nicht nutzt, bekommt sie selten ein zweites Mal.

Am Ende stand ein 2:1 gegen Ghana, der zweite Sieg im zweiten Test, und wieder einmal war es nicht der auserkorene Stürmer, der die Entscheidung traf, sondern der Joker. Deniz Undav, 29 Minuten Spielzeit, ein Tor – und die Erkenntnis, dass Deutschlands WM-Pläne immer noch auf dem Reißbrett entstehen, nicht auf dem Platz.

Florian wirtz liefert kunstwerke, aber kein tor

Wer dachte, dass der 22-jährige Bayer nach dem Schweiz-Spiel noch Luft nach oben hätte, wurde belehrt. Wirtz spielte sich in seinem 61-minütigen Auftritt durch Ghana wie durch eine Slalomstrecke, setzte einen Freistoß ans Aluminium, trickste sich durch drei Gegner – und scheiterte am letzten Pass. Die Statistik verrät: Kein Tor, keine Vorlage. Das Auge sagt: Er war der einzige, der Ghana in die eigene Hälfte verbannte.

Doch selbst Wirtz kann keine Chancen erzwingen, wenn vor ihm niemand läuft. Woltemade bewegte sich wie durch Treibsand, gewann zwar den Kopfball, der zum Abseitstor führte, aber sonst: Keine Ballsicherheit, keine Durchsetzung, keine Präsenz. Die Latte in der 53. Minute war sein einziger Glanzmoment – und selbst der war Glück, nicht Klasse.

Die wahrheit über woltemade: kein stürmer für nagelmanns tempo

Die wahrheit über woltemade: kein stürmer für nagelmanns tempo

Der Bundestrainer hatte Woltemade in Stuttgart auserkoren, weil er einen neunfachen Punkt brauchte: Jemand, der den Ball festmacht, Mitspieler einbindet, Räume öffnet. Was er bekam, war ein Spieler, der sich selbst festmachte. Die Ballannahmen fielen zu kurz, die Laufwege zu spät, die Entscheidungen zu zögerlich. Bei der ersten richtigen Prüfung vor heimischer Kulisse verpasste der 24-Jährige den Anschluss an die internationale Spitze.

Die Konsequenz war nicht nur der Wechsel, sondern das Signal: Wer in diesem Sommer in den USA mithalten will, muss mehr bieten als Potential. Undav kam, sah und traf – mit dem ersten Ballkontakt. Kein Zufall, sondern die Belohnung für eine Laufbahn, in der er gelernt hat, dass Tore aus dem Nichts kommen, wenn man bereit ist, sie abzustauben.

Nübel hält, kimmich lenkt, rüdiger rutscht

Nübel hält, kimmich lenkt, rüdiger rutscht

Alexander Nübel bekam das Spiel, das er brauchte: wenig Arbeit, viel Selbstvertrauen. Beim Ausgleich war er machtlos, aber nicht schuld. Joshua Kimmich spielte sich mit seinem 108. Länderspiel in die Klinsmann-Reihe ein und zeigte, warum er Kapitän bleibt, egal wo er steht. Seine Flanke auf Undav war keine Großtat, sondern einfach richtig getimt.

Jonathan Tah bewies, dass er die Innenverteidigung stabilisieren kann – wenn er zur Halbzeit raus darf. Antonio Rüdiger kam, rutschte beim 1:1 durch, und bleibt trotzdem gesetzt, weil Alternativen fehlen. Die Abwehr ist noch kein Beton, aber kein offener Lift mehr wie gegen die Schweiz.

Die wm-liste wird kürzer – und härter

Nagelsmann muss bis 12. Mai 18 Namen nennen. Nach Ghana steht fest: Woltemade ist keiner davon. Undav hat sich ins Blickfeld gespielt, nicht mehr und nicht weniger. Lennart Karl liefert zwei Spiele in Folge Energie, die kein Statistik-Tool misst. Chris Führich und Josha Vagnoman bekamen Minuten, aber keine Rolle.

Die Lehre aus Stuttgart: Deutschland kann gewinnen, auch wenn der Sturm nicht läuft. Aber es gewinnt nicht, wenn keiner läuft. Die WM rückt näher, die Konkurrenz nicht näher. Und wer jetzt nicht trifft, trifft später vermutlich gar nicht mehr.