Von sochi zu milano cortina: perathoners paralympic-comeback nach knie-totalprothese
Vor zwölf Jahren flog Emanuel Perathoner nach Sotschi, um als Snowboard-Crosser zu feiern. Jetzt rollt er mit einer kompletten Knieprothese in die Paralympics – und will doppelt Gold. Die Geschichte klingt wie ein Hollywood-Drehbuch, ist aber bittere Realität: neun Siege in zehn Rennen dieser Saison, 39 Jahre alt, frisch verheiratet – und trotzdem noch der Underdog.
Der sturz, der alles veränderte
Es war ein Training im März 2021, drei Wochen vor der WM in Idre. „Ich dachte an Kreuzband, maximal Meniskus“, sagt Perathoner. Stattdessen zerschellte das obere Schienbein – „der Knochen war einfach weg“. Die Diagnose: Totaleprothese, keine Karriere mehr, keine Hochzeit auf Krücken. Er googelte, weil niemand ihm die Wahrheit sagte. „Da hab ich kapiert, dass mein Leben neu anfängt.“ Die Hochzeit mit Belén musste zweimal verschoben werden – erst Corona, dann das Knie. Am 10. September 2022 trat er ohne Stöcke vor den Altar.

Paralympics? für mich gab es nur „sport“
Perathoner lacht, wenn man ihn fragt, ob er jetzt „Paralympic-Athlet“ sei. „Ich bin einfach ein Sportler, der weitermacht.“ Die Welt der Klassen, der Punkte, der Prothesen-Kategorien war ihm fremd. Ein Zufall brachte die Wende: Besuch beim Stilfser-Joch-Training der Nationalmannschaft, ein Gespräch, eine Einladung zur Klassifizierung. „Ich hatte alle Körperteile, nur eben Titan statt Knorpel.“ Innerhalb von Wochen stand er wieder auf dem Board – diesmal gegen SB-LL2-Fahrer mit Amputationen. „Das Niveau war brutal. Ich war blauäugig.“

Neun von zehn – und trotzdem kein hype
Die Bilanz dieser Saison liest sich wie ein Druckfehler: neun Siege, zweiter Platz. Doch in den lokalen Zeitungen findet man keinen einzigen Bericht. „Als Olympionike reichte ein Sieg für eine Titelseite. Jetzt schreibt keiner.“ Er schüttelt den Kopf. „Rai Sport übertritt live – das ist ein Quantensprung. Aber danach?“ Für Perathoner ist das kein Nebenschauplatz, sondern der Hauptact: „Diese Geschichten sind besser als jede Netflix-Doku. Jeder hier hat einen Knall, und trotzdem geben sie Vollgas.“

Gold ist pflicht – und neuanfang
Milano-Cortina werden die größten Winter-Paralympics aller Zeiten: 655 Athleten. Perathoner will zwei Mal ganz oben stehen. „Klingt vermessen, aber ich bin nicht zum Teilnehmen hier.“ Er weiß, dass ein Sturz reicht, um alles zu beenden. „Aber ich hab schon das Schlimmste überlebt – alles andere ist Nebensache.“ Seine größte Sorge: dass nach dem Medaillenkitsch niemand mehr über Parasport redet. „Wir müssen raus aus der Nische. Der Sport ist derselbe, nur die Prothese ist anders.“
Am 7. März startet die Snowboard-Cross-Jagd in Cortina. Wer danach sucht, findet ihn nicht im Villaggio, sondern auf der Piste – als Coach, als Vorbild, als Mann, der bewies: Titan knarrt, aber es trägt dich auch zum Gipfel.
