Lüthi springt in der romandie ein: winterthur setzt auf den retter mit dem gebrochenen bein
78 Gegentore nach 24 Spieltagen – das ist keine Statistik, das ist ein Notruf. Und jetzt schickt FCW-Trainer Bruno Berner einen 22-Jährigen auf den Platz, der seit 243 Tagen kein Pflichtspiel mehr bestritten hat: Loïc Lüthi steht heute Abend in Sion von Beginn an in der Startelf.
Die knochenentzündung, die einen ganzen klub lahmlegte
Lüthis letztes Liga-Spiel datiert auf den 20. Mai 2023. Danach raste er mit einer seltenen Osteomyelitis von Arzt zu Arzt, während die Abwehr seines Heimatklubs auseinanderbröckelte. Die Diagnose klang harmlos – „Knochenentzündung im Unterschenkel“ –, war aber ein Sabotageakt am eigenen Körper: Kein Sprint, kein Zweikampf, keine Perspektive. Winterthur kassierte inzwischen im Schnitt 3,25 Gegentore pro Spiel, mehr als jede andere Mannschaft der Super League.
Warum jetzt ausgerechnet er? Weil Berner in der Rückrunde 2022/23 erlebte, wie Lüthi mit gerade einmal 21 Jahren die komplette rechte Seite dichtmachte. Weil Scoutings von Basel und St. Gallen damals seine Zweikampfquote von 63 % vermerkten. Und weil die Alternative heißt: weiterhin Christian Kobel und Stephan Seimann in der Zentrale, die zusammen 34 Jahre alt sind – und sich gegenseitig die Schuld an Elfmetern zuschieben.

Sion-stadion als schauplatz eines experiments
Die Tourbillon ist kein Ort für sanfte Wiedereinführungen. 8.800 Walliser, eine Naturböschung, dazu Antonio Marziali, der mit sieben Treffern bester Sion-Torschütze ist. Berner wird Lüthi nicht in die Kette stellen, sondern als liberoescher Sechser vor der Abwehr, ein Mensch-Ausputzer vor dem Strafraum. Die Taktik nennt sich intern „Klopapier-System“: Er fängt alles auf, was sonst ins Tor fliegt.
Die Frage ist nicht, ob Lüthi nach acht Monaten Pause matchfit ist – das weiß keiner. Die Frage ist, ob Winterthur ohne ihn überhaupt noch eine Chance hat. Rechnet man seinen damaligen Einsatzzeiten hoch, fehlten dem FCW in dieser Saison bereits 34 geblockte Schüsse und 52 gewonnene Zweikämpfe – genau die Differenz zwischen Tabellenplatz 9 und 11.
Die Wette: Ein einziger Defensivspieler kann eine komplette Saison retten. Die Realität: Wenn Lüthi heute 90 Minuten durchsteht und Winterthur trotzdem verliert, ist der Abstieg so gut wie besiegelt. Die Ironie: Der Junge, der einst als „Winterthurs Next Big Thing“ galt, muss nun verhindern, dass sein Klub zur Next Big Disgrace wird.
Anstoß 20:30 Uhr. 90 Minuten, die entscheiden, ob die Eulachstädter noch 105 Gegentore kassieren – oder ob sie am Ende doch nur 78 stehen lassen und sagen können: Loïc war’s.
