Undav trifft, schimpft – und fordert: „hört auf zu pfeifen, wir sind eins!“

Deniz Undav hat das Spiel gegen Ghana mit dem Siegtor gekrönt, doch seine größte Aktion folgte nach dem Schlusspfiff. Vor laufender Kamera fordert der Stuttgarter die Fans auf, die eigenen Spieler nicht mehr auszupfeifen – und macht damit eine Debatte los, die weit über das 2:1 hinausgeht.

Die szene, die alles auslöste

78. Minute, Olympiastadion Berlin. Leroy Sané läuft für Nick Woltemade ein. Ein Teil der Kurve reagiert mit Pfiffen. Sekunden später erklingt dafür „Undaaaav!“ – der Mann, der noch auf der Bank sitzt. Die Botschaft: Lieber Deniz als Leroy. Was wie ein harmloser Wechsel aussah, entpuppt sich als Sprengstoff.

Undav selbst bemerkt den Unterschied sofort. „Ich hörte meinen Namen, das war emotional“, sagt er. „Aber als ich dann Leroys Pfiffe gespürt habe, war mir klar: Das dürfen wir nicht durchgehen lassen.“

„Wir sind keine 23 einzelkämpfer“

„Wir sind keine 23 einzelkämpfer“

Nach seinem Kopfballtreffer in der 82. Minute schlüpft der 29-Jährige in die ARD-Kabine. Alex Schlüter will verabschieden, da hält Undav in die Kamera: „Kann ich noch eine Sache sagen?“ Was folgt, ist kein Standard-Dank, sondern eine Kampfansage an die Tribüne.

„Egal, wie ein Spieler ist – man sollte hinter der Mannschaft stehen“, sagt er, die Stimme rauer als sonst. „Leroy gehört genauso dazu wie ich. Wer ihn auspfeift, pfeift uns alle aus.“

Der Stürmer spricht von „Respektlosigkeit“ und „Spaltung“, die sich durch solche Aktionen einschleiche. „Wir sind keine 23 Einzelkämpfer, wir sind ein Kader. Und ein Kader braucht Rückenwind, keinen Gegenwind aus den eigenen Reihen.“

Die zahlen hinter dem protest

Die zahlen hinter dem protest

Laut DFB-Statistik hat Sané seit seiner Rückkehr aus München 37 Länderspiele absolviert, dabei neun Tore und 13 Vorlagen verbucht. Dennoch gilt er bei vielen Fans als Inbegriff für unerfüllte Erwartungen. Die Reaktion: 37 Prozent der im Stadion befragten Zuschauer geben laut einer schnellen Umfrage an, Sanés Leistungen „nicht überzeugend“ zu finden – ein Wert, der keinen Pfiff rechtfertigt, aber erklärt.

Undav sieht das anders. „Leroy hat Qualität, die nur wenige in Europa haben. Wenn wir die nicht nutzen, weil wir ihm die Luft nehmen, schadet das uns allen.“

Der bundestrainer schaltet sich ein

Julian Nagelsmann reagiert postwendend. „Ich danke Deniz für klare Worte“, sagt er im Presseraum. „Wir reden ständig über Teamgeist, dann darf so ein Moment nicht passieren.“ Für den EM-Kader im Sommer kündigt er interne Gespräche an. „Wer nicht bereit ist, jeden Mitspieler zu supporten, sollte vielleicht besser zuhause bleiben.“

Ein harter Satz, doch er zeigt: Der DFB will die Debatte nicht ausbreiten lassen. Die Angst: Beim ersten EM-Spiel in München könnte ein einzelner Pfiff die Stimmung kippen.

Die botschaft geht durch

Noch in der Nacht postet Sané ein Herz-Emoji unter Undavs Interview. Die Mannschaftsgruppe „Die Mannschaft“ teilt den Clip mit dem Kommentar: „Zusammen. Immer.“ Selbst der Ghana-Verband twittert Respekt: „Fair play über alles.“

Für Undav ist die Sache klar: „Wir haben jetzt zwei Wochen, bevor es ernst wird. Wer beim nächsten Mal pfeift, pfeift nicht nur Leroy – der pfeift die ganze Nationalelf aus.“ Und mit einem letzten Satz, der mehr ist als ein Appell, beendet er das Gespräch: „Wir sind Deutschlands Team. Und Teams pfeift man nicht aus – man führt sie ans Ziel.“