Stuttgart brüllt undav-namen – nagelsmann bleibt hart

In der 29. Minute war es plötzlich lauter als jede Anpfiff-Show: „Deniz Undav!“ Donnerte durch die Mercedes-Benz-Arena, als hätten die 45.000 Anwesenden einen einzigen Atemzug gesammelt. Grund für den kollektiven Schrei: Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte den Stuttgarter Liebling gegen Ghana zunächst auf die Bank verbannt.

Die choreografie der enttäuschung

Statt Undav lief Nick Woltemade auf, ein ehemaliger VfB-Junghoffnung, der die Schwaben 2022 Richtung Bremen verließ. Die Symbolik war nicht zu überhören: ein Ex-Spieler durfte beginnen, der aktuelle Bundesliga-Toptorjäger nicht. Die Fans reagierten, wie sie es seit Jahren nicht mehr taten: mit einem minutenlangen Sprechgesang, der selbst Nagelsmann auf der Seitenlinie kurz den Blick heben ließ.

Undav selbst stand auf, klatschte in die Hände, bedankte sich mit einem Lächeln, das zwischen Dank und Verlegenheit schwankte. In der 35. Minute wiederholte sich der Refrain, diesmal noch eine Oktave tiefer, begleitet von trommelnden Handflächen. Die Botschaft: Wir bestimmen hier mit, wer unser Held ist.

Nagelsmann erklärt statt umzustellen

Nagelsmann erklärt statt umzustellen

„Deniz hat eine außergewöhnliche Kreativität, die geht flöten, wenn er zuerst ackern muss“, sagte Nagelsmann vor der Partie im ARD-Interview. Die Begründung klang wie ein Lehrstück über Rollenklarheit: Wer als Joker eingeplant ist, darf nicht von Anfang an laufen, sonst verliert der Coach Glaubwürdigkeit. Kalt, klar, durchkalkuliert – und doch ein Wagnis. Denn Stuttgart feiert schon lange nicht mehr nur Siege, es feiert Gesichter. Undav ist so ein Gesicht.

Die Statistik spricht für den Bundestrainer: In sechs Länderspielen traf Undav dreimal, alle Tore fielen, als er eingewechselt wurde. Die Emotion spricht für die Tribüne: Ein Publikum, das seit Jahren darauf wartet, endlich wieder einen Stürmer aus eigenen Reihen im Nationaltrikot zu sehen, will ihn nicht nur als Ass im Ärmel, sondern auf dem Platz.

Ein schlagabtausch mit offenem ende

Ein schlagabtausch mit offenem ende

Nagelsmann kündigte an, Undav werde „am Montag Spielzeit bekommen“. Die Fans hören das Versprechen, warten aber auf die Tat. Denn schon vor dem Sommer, beim enttäuschenden Nations-League-Finale, war Undav nur Joker. Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen, in dem er in der Bundesliga sieben Tore schoss und assistierte, als gäbe es kein Morgen. Stuttgart will ihn sehen – und zwar von der ersten Minute.

Am Ende blieb ein 0:0, das niemanden kümmerte. Die Nacht gehörte einem Mann, der nicht spielte, und einem Trainer, der sich nicht beirren ließ. Die Frage ist nur: Wie lange hält die Geduld, wenn die Arena wieder brüllt? Die Antwort lautet: bis zur 65. Minute. Dann wechselte Nagelsmann doch – Undav kam, wurde mit Standing Ovation empfangen, verpasste knapp das Siegtor. Die Arena tobte trotzdem. Weil sie ihren Triumph schon vorher gefeiert hatte: den Triumph des Namens über die Taktik.