Nagelsmann bekommt rückenwind von ganz oben – frau und mutter flüstern vom tribünerand
Stuttgart – Kurz vor dem Anpfiff schaut Julian Nagelsmann nach oben. Dort, zwischen 54.000 schwarz-roten Fahnen, sitzt Lena Wurzenberger, seit Januar seine Frau, und neben ihr Burgi, seine Mutter. Ein Deutschland-Schal um den Hals, die Daumen nach unten gedrückt – so klein, so groß. Die beiden wichtigsten Frauen im Leben des Bundestrainers sind gekommen, um ihm die Angst zu nehmen, die er selbst nie laut ausspricht.

Warum genau dieses bild die deutsche fußballseele erzittern lässt
Weil es kein PR-Foto ist. Weil Lena nicht für die Kamera winkt, sondern für ihren Mann. Weil Burgi nicht lächelt, sondern betet. Und weil Nagelsmann, der sonst jeden Millimeter kontrolliert, in diesem Moment einfach nur Sohn und Ehemann ist. Die Kamera des ZDF fängt die Sekunde ein, wie er die Hand hebt, nicht zum Gruß, sondern als hätte er vergessen, dass 80 Millionen Menschen mitfiebern. Es ist die Szene, die Instagram nicht schafft: echte Verletzlichkeit inmitten von 4K-Druck.
Die Frage, die seit Tagen durch Talkshows rattert – warum Deniz Undav nicht in der Startelf steht – verstummt für zwölf Sekunden. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Taktik, sondern um die Stimme derer, die einen kennen, bevor man die 3-5-2-Raute erfand. Um die Frau, die Nagelsmann noch „Jule“ nennt, und die Mutter, die ihn früher zum Training fuhr, als kein Sponsor für die Benzinkarte zahlte.
Natürlich wird nach dem Schlusspfiff wieder analysiert werden, ob Kai Havertz links außen die richtige Entscheidung war. Doch die Wahrheit steht auf der Tribüne: Wer keinen Rückenwind von Zuhause hat, dreht sich irgendwann im Kreis. Nagelsmann hat sich umdrehen können. Das ist mehr, als die letzten drei Bundestrainer hatten.
Die Daumen sind gedrückt. Und sie bleiben es, auch wenn das nächste Mal wieder gebuht wird. Weil Liebe keine Fanzone ist, sondern ein Schal, der auch noch wärmt, wenn das Team mal wieder in der 85. Minute kippt.
