Colombia stolpert in wm-generalprobe – torwart-dilemma und james-problem lassen alarmglocken schrillen
Die Torausgänge von Camilo Vargas wirken wie ein Nachspiel zu einem Horrorfilm, die Reaktion von Álvaro Montero wie ein Schrecken ohne Happy End. Drei Monate vor dem WM-Auftakt in den USA lieferte Kolumbien gegen Kroatien (1:2) und Frankreich (1:3) keine Antworten, sondern neue Fragen – und die lauteste lautet: Wer bewacht eigentlich unser Tor?
Die zahlen, die néstor lorenzo nicht mehr schönreden kann
Sechs Gegentore in zwei Spielen, drei individuelle Patzer direkt in den Treffern, ein Ballbesitz-Plus, das nur noch als statistisches Placebo wirkt. Die Defensive wackelt, weil sie zu zehnt verteidigt – James Rodríguez drückt im Rückwärtsgang nur die Schultern statt die Bremse. Gegen Kroatiens Pressing und Frankreichs Umschaltmaschine reicht das nicht einmal für ein 0:0.
Daniel Muñoz wirkte wie nach einer durchfeierten Medellín-Nacht, Richard Ríos verlor 14 von 20 Zweikämpfen, und Juan David Cabal spielte sich mit einem Schritt zu viel in Lebensgefahr. Die Jungs, die sonst die Gerüste halten, sahen aus wie Austauschstudenten in einem Kurs für Feuerwehrtechnik.

Die keeper-frage: vargas oder montero – oder doch der nervenkitzel?
Camilo Vargas, sonst sicher wie ein Tresor in der Banco de Bogotá, kam bei Kroatiens zweitem Tor einen Meter zu spät, sein Abstoß landete beim Gegner wie ein Einwurf ins eigene Tor. Montero, der Hoffnungsträger aus dem Volksmund, reagierte bei Frankreichs 2:0 wie ein Fahrer, der die Ampel erst sieht, wenn das Kreuz schon über ihm steht. Zwischen beiden liegt keine Lösung, nur ein Vakuum – und die Erkenntnis, dass Ersatzkeeper Johan Wallens noch kein einziges Länderspiel hat.
Lorenzo sprach nach dem Frankreich-Debakel von „ein oder zwei Stufen unter dem Gegner“. Das klang so, als hätte er die Tabelle vorher nicht studiert. Die Fans fragen sich, ob er stattdessen lieber einen dritten Keeper testet oder einfach betet, dass der Nervenfaktor bis Juni verfliegt.

James’ schatten: magie vorn, leere hinten
James Rodríguez liefert weiter die Killerpässe, aber seine Sprintwerte im Defensivpressing sinken seit drei Jahren kontinuierlich. Gegen Frankreich sprintete er 21-mal zurück – Griezmann 58-mal. Das ist keine Taktik, das ist ein Faktum. Wenn Kolumbien mit zehn Mann verteidigt, reicht selbst Luis Díaz’ Turbo nicht, um die Lücken zu kitten.
Die Lösung? Ein 4-3-3 mit Gustavo Puerta als zusätzlichem Sechser, um James frei zu stellen, aber nicht schutzlos. Oder Lorenzo riskiert ein 4-4-2 und nimmt James irgendwann runter – was in Kolumbien so emotional wäre wie ein Adiós zum Papst.
Die hoffnungsträger, die noch ein fünkchen licht streuen
Luis Díaz tankt wie ein Motorrad ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, Jhon Arias verteidigt wie ein Mittelfeld-Boxer. Juanfer Quintero kam gegen Frankreich und schoss binnen 18 Minuten zwei Schüsse aufs Tor – mehr als Córdoba und Suárez zusammen in 72. Die Joker Campaz, Puerta und Carlos Gómez zeigten, dass der Kader Tiefe hat, nur eben nicht hinten.
Córdobas Sprungkraft bleibt ein Asset, Suárez’ Portugal-Form hingegen blieb im Flieger. Wenn die Stürmer treffen, vergisst man die Defensive gern – nur funktioniert das nur, wenn man nicht selbst zwei Gegentore verschenkt.
Die WM rückt näher, die Uhren ticken lauter. Lorenzo hat noch 90 Trainingsminuten, um Vargas’ Selbstvertrauen wieder aufzupumpen und James zu erklären, dass auch Picasso mal den Pinsel weglegte, um die Leinwand zu schützen. Tut er es nicht, wird Kolumbien nicht nur gegen Portugal und Usbekistan untergehen – sondern vor allem gegen sich selbst.
