Bosnier lehnt lamborghini ab, weil sein balkon zum stadion gehört
Dino Mujanovic schaut seit 37 Jahren vom elften Stock auf den Rasen von Bilino Polje. Nun bieten Fremde ihm eine Lada Niva, zwei Tonnen Pellets und eine Tonne Kartoffeln – nur damit er sie gegen Italien auf seiner Terrasse duldet. Er lacht, tippt zurück: „Ich habe alles abgelehnt. Mein Wohnzimmer ist kein AirBnB.“
Ein haus, ein stadion, ein schicksal
Zenica – Wer die Plattenbauten an der Fra Ivana Franje Jukića-Straße betritt, spürt sofort den Geruch von Kaffee und Holzkohle. Die Haussprechanlage klingt wie ein kaputter Radiowecker, doch die Signale sind klar: Hier wohnt die bosnische Nationalmannschaft im Schatten. Jeder Balkon ist ein Logenplatz, jede Küche eine Sportsbar.
Mujanovic’ Wohnung ist 64 Quadratmeter, die Fernsehantenne zeigt nach Süden, das Sofa nach Westen – Richtung Nordkurve. „Wenn Džeko trifft, wackelt mein Geschirrschrank“, sagt er und deutet auf die Glasscheiben, die bei Treffern gegen die Rahmen klopfen. Die Fiorentina erlebte das 1972, als Ćelik in der Mitropa-Cup-Finale mit 1:0 gewann. Die Italiener behaupteten damals, der Schiedsrichler sei ein Sympathisant gewesen. Mujanovic zuckt mit den Schultern: „Diesmal gibt es keine Geschenke.“

Der tag, als das telefon nicht mehr auflegte
Donnerstag, 23:47 Uhr. Die Tickets für Dienstag waren ausverkauft, die Nachrichten in seinem Handy nicht. „Erst dachte ich, Freunde wollen mich ärgern“, erzählt er. Dann klingelte ein Händler aus Tuzla und bot ihm eine original Lada Niva an, lackiert in den Farben von FK Sarajevo. Eine Frau aus Mostar schickte die Koordinaten eines Pelletlagers und schrieb: „Hol ab, wenn du willst.“ Jemand anderes bot eine Tonne Kartoffeln für den Winter – geliefert frei Haus.
Mujanovic antwortete mit einem GIF, das einen winkenden Džeko zeigt. „Ich brauche kein neues Auto. Ich brauche drei Punkte.“ Die Nachricht verbreitete sich schneller als ein Konter über die linke Außenbahn. Inzwischen hat er 417 ungelesene Chats, 63 Sprachnachrichten und ein Angebot für einen Lamborghini Huracán – „aber ohne Parkplatz hier, also wozu?“

History under the floodlights
Der Platz unter seinem Fenster ist kein beliebiger Rasen. 1189 unterzeichnete Ban Kulin hier einen Handelspakt mit Ragusa, der Bosnien an die Adria band. Heute verbindet das Stadion die Menschen im Block 11 mit der WM 2026. „Wenn wir gewinnen, fährt mein Neffe nach Kanada, um dort zu studieren“, sagt Mujanovic. „Wenn wir verlieren, bleibt er hier und raucht zwei Schachteln am Tag.“
Die Statistik spricht für sich: Bosnien hat nur eines der letzten sieben Pflichtspiele verloren, Italien schon drei der letzten fünf. „Aber Zahlen interessieren hier niemanden“, sagt er und klopft gegen die Heizung, die seit Tagen wegen Überlastung klopft. „Entscheidend ist, wer nach 90 Minuten noch stehen kann.“

Die nacht, in der der balkon brannte – fast
Montagabend wird er mit Freunden Ćevapi grillieren, zwölf Kilogramm Fleisch hat sein Cousin aus Bijeljina mitgebracht. Dazu Rakija aus der eigenen Brennblase, ein Glas für jedes Tor, das sie erwartet. Die Feuerwehr hat bereits zweimal vorgefahren, weil Nachbarn Rauch aus der Küche meldeten. „Es war nur die Vorfreude“, sagt Mujanovic. Die Polizei wird trotzdem vorbeischauen – nicht wegen Pyrotechnik, sondern weil sich zwei Italiener als Installateure ausgaben und an der Haupteingangstür rüttelten.
Kick-off 20:45 Uhr. In seiner Straße wird kein Auto mehr fahren, die Kreuzung wird zur Fan-Zone. Die Bewohner haben ihre Handyhandy-Lichter synchronisiert, sie leuchten bei Einwürfen auf. „Wenn der Schiri pfeift, wird es stiller als in einer Moschee am Freitag“, sagt er. „Und wenn Džeko trifft, bebt der Asphalt.“

Der preis, keinen preis zu haben
Stichwort Geld: Mujanovic arbeitet als Schweißer in der ArcelorMittal-Hütte, 950 Euro netto. Die 500-Euro-Balkon-Meme war ein Spaß, doch inzwischen winken Buchungsportale mit Angeboten von 1.200 Euro für eine Nacht. „Ich bin kein Geschäftsmann, ich bin Anwohner“, sagt er. „Wenn ich Geld wollte, würde ich nach Wien ziehen und dort Installateur werden.“
Stattdessen wird er an dem Abend mit seiner Mutter auf dem Sofa sitzen, die bei jedem Foul „Ajde, ajde!“ ruft. Sein Vater war 1981 dabei, als Ćelik die Jugoslawien-Meisterschaft gewann. „Er hat mir eingeschärft: Der Balkon ist kein Souvenir, er ist Erbe.“
Die italienische Presse titelt bereits „Zenica, l’inferno di Mancini“. Mujanovic lacht sich schief: „Sie suchen den Teufel, finden nur Nachbarn.“
Am Dienstag wird er um 19:30 Uhr die Flagge hissen, die seine Schwester genäht hat – mit zwei Reihen goldenen Fransen, weil „Gold nicht verblasst“. Dann wird er das Fenster öffnen, den Grill anwerfen und die Hymne mitsingen, die er seit der Grundschule kann. „Und wenn der Schlusspfiff ertönt, werden wir noch hier stehen – egal, wer gewinnt.“
Die Buchungsanfragen werden weiterhin ins Leere laufen. Der Lamborghini bleibt in der Garage von Banja Luka. Und die Kartoffeln? Die liegen noch irgendwo im Tal der Bosna, warten auf einen Winter, der vielleicht nie kommt.
90 Minuten trennen Bosnien vom duten WM-Traum. Mujanovic von nichts. „Ich habe schon alles, was ich brauche: eine Sicht, eine Familie und die Gewissheit, dass der Ball morgen wieder rollt – vor meinem Fenster.“
