St. pauli-trainer dobrick bricht tabu: „schwule gelten im profifußball noch als außerirdische“

Christian Dobrick hat genug vom Schweigen. Der U-19-Coach von St. Pauli packt aus, warum er jahrelang seinen Freund zum Kollegen machte, warum er im Vereinsbus lügte und warum das alles nichts mit Fußball zu tun hat. „Im Profifußball gelten Schwule noch immer als Außerirdische“, sagt er – und trifft damit den Kern einer Szene, die sich gern als progressiv gibt, sich aber bis heute vor der eigenen Spiegelung fürchtet.

Dobrick: „dieses versteckspiel hat mich zu viel kraft gekostet“

Der 29-Jährige erzählt von Wortakrobatik, von nachgeschobenen Freundinnen, von Nächten, in denen er sich fragte, ob das Outing die Karriere beendet. Die Antwort kennt er noch nicht. Aber er kennt die Rechnung: Jede Minute, die er darüber nachdachte, wie er sich morgen wieder in den hetero-normiven Kasten quetscht, war eine Minute weniger für Taktik, Videoanalyse, Menschenführung. „Die Energie, die man eigentlich in den Sport investieren könnte“, sagt er, „die habe ich verpuffen lassen an Rhetorik-Eiertanz.“

Die Zahlen sprechen für ihn. In den drei oberen Männerligen Deutschlands ist kein einziger aktive Profi offen schwul. Statistisch müssten es Hunderte sein. Stattdessen: Schweigen, gepaart mit einem Schulterzucken, das so tut, als sei das Thema erledigt, seit Thomas Hitzlsperger 2014 sein Outing nachholte. Dobrick lacht bitter: „Wenn man glaubt, ein Ex-Profi reiche als Alibi, hat man den Schuss nicht gehört.“

Klopp-satz wurde zur lebensmaxime

Klopp-satz wurde zur lebensmaxime

Den Anstoß zum Bruch mit der Selbstverleugnung gab kein Aktivisten-Workshop, sondern ein Meeting mit Jürgen Klopp. Der damalige Liverpool-Coach besuchte die Nachwuchsabteilung von RB Salzburg und sagte einen Satz, der Dobrick bis heute nicht loslässt: „Du musst du selbst sein.“ Klopp wollte vermutlich eine Standard-Leadership-Phrase loswerden. Dobrick hörte eine Befreiungsurkunde.

Seit Sommer 2025 arbeitet er in Hamburg, zuvor schuf er Talente für Salzburg, Hoffenheim, Holstein Kiel. Überall dieselbe Routine: Kollegen fragen nach der Freundin, er erfindet eine. Kollegen planen Kennenlern-Trips, er baut sich eine Ausrede. „Irgenwann“, sagt er, „wurde mir klar, dass ich nicht länger für ein System brenne, das mich nicht zurückliebt.“

Im Frauenfußball ist das Thema längst Makulatur. Im Männerzirkus bleibt es ein Stigma, das sich hinter Sprüchen wie „Das ist Privat“ versteckt. Dobrick fordert kein Sonderrecht, nur Normalität. „Ich will nicht der schwule Trainer sein, ich will der Trainer sein, der Erfolg hat – und dabei schwul ist.“

Die Reaktionen nach dem Outing: durchwachsen. Mails von Eltern, die ihn künftig meiden wollen. Nachrichten von Spielern, die sagen: „Coach, ist mir egal, hauptsache du bringst uns weiter.“ Und ein Vorstand, der betont, dass Leistung das einzige Kriterium sei. Dobrick weiß: Papier ist geduldig. Der nächste Sieg wird ihm mehr Recht geben als jede Pressemitteilung.

Er will nach oben, irgendwann in die Bundesliga. Ob er dort willkommen ist? „Ich bin kein Einzelfall“, wiederholt er, „aber ich bin vielleicht der Erste, der es laut sagt, bevor er A-Jugend-Meister wird.“ Die Saison läuft, St. Pauli steht in der A-Junioren-Bundesliga gut da. Dobrick trainiert weiter, 07:00 Uhr Videoanalyse, 15:00 Uhr Training, 20:00 Uhr Telefonat mit dem Freund – kein Eiertanz mehr, endlich Zeit für Fußball.

Und wenn es in zwei Jahren einen schwulen Bundesliga-Profi gibt, der sich traut? „Dann war vielleicht mein Outing nicht nur ein Satz in der Zeitung, sondern die erste Pressing-Attacke gegen ein System, das endlich verlieren darf.“