Undav rettet nagelsmanns letzten test: stuttgart-joker schiebt ghana in den abgrund

Ein Aufschrei, dann ein Klatschen, dann der alles überlagernde Regen: Deniz Undav war noch nicht mal zwei Minuten auf dem Rasen, da hatte er den Ball schon im Netz – und damit die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 76 Tage vor der WM noch einmal vor dem kollektiven Blackout bewahrt.

2:1 gegen Ghana, siebter Sieg in Folge, aber die Zahlen lügen. Die Wahrheit steht im Neckarstadion: Der Europameister von 2024 wirkte gegen den WM-Teilnehmer Nr. 82 der Weltrangliste wie ein Formationsprodukt aus zweiter Güte. Kai Havertz netzte per Handelfmeter, Abdul Fatawu glich nach einem Konterchaos aus, ehe Undav in der 88. Minute mit dem Kopf die Notbremse zog – und Julian Nagelsmann die Notwendigkeit.

Die stunde des stuttgarter sohns

52.723 Zuschauer hatten Undav schon in der 30. Minute lauthals verlangt. Er saß auf der Bank, winkte lässig, schien das Publikum zu wissen zu lassen: „Ich komme, wenn’s brennt.“ Als er endlich eingewechselt wurde, brannte es tatsächlich. Die Hereingabe von Leroy Sané war keine Flanke, sondern ein Statement – Undav verwandelte mit der entschlossenen Ruhe eines Mannes, der genau weiß, dass er in drei Tagen im Flieger nach Winston-Salem sitzen will.

Das Tor war mehr als ein Lucky Punch. Es war die Rettung vor einem Debakel, das Nagelsmanns geplante WM-Kader-Show am 12. Mai ins Wanken gebracht hätte. Denn bis dahin bleibt die deutsche Defensive ein offenes Geheimnis: Drei Gegentore in vier Tagen, zwei individuelle Patzer, ein System, das bei jedem zweiten Ballverlust auseinanderfällt wie ein Kartenhaus.

Nagelsmanns taktisches puzzle bleibt unvollständig

Nagelsmanns taktisches puzzle bleibt unvollständig

Der Bundestrainer rotierte erneut vier Positionen, setzte auf Alexander Nübel im Tor und Nathaniel Brown als Startelf-Debütant. Die Idee: Frische Beine, klare Köpfe, neue Automatismen. Das Ergebnis: Erste halbe Stunde Druck, dann ein Bruchstück-Fußball, der Ghana sogar Hoffnung schenkte. Die Elfenbeinküste und Ecuador werden die Videos genau studieren – und sie werden sich diebisch freuen.

Die Statistik spricht für sich: 61 Prozent Ballbesitz, 18:7 Torschüsse, aber nur zwei Treffer aus dem Spiel. Die Effizienz liegt bei mageren 0,11 Toren pro Torchance – ein Wert, der selbst gegen den WM-Außenseiter Ghana nicht gewinnt. Wenn Florian Wirtz nicht gerade zaubert oder Sané nicht mit 30 km/h den Außenrand zerstört, bleibt die DFB-Elf ideenlos wie ein Router ohne Signal.

Die nächsten 43 tage sind kein selbstläufer

Die nächsten 43 tage sind kein selbstläufer

Nach dem Abpfiff stand Nagelsmann allein vor der Südkurve, winkte kurz, dann verschwand er im Tunnelschatten. Die Fans jubelten trotzdem – sie wissen, dass ein Sieg gegen Ghana besser ist als ein Remis, und sie wissen auch: In zwei Wochen trifft die Mannschaft in Chicago auf den Gastgeber USA, der bereits im Februar Brasilien und Argentinien nacheinander geschlagen hat. Dort wird kein Joker mehr retten, wenn die Abwehr erneut ein Konterloch aufreißt.

Die WM-Uhr tickt. Undav hat sein Ticket wohl gebucht, doch für andere wird es eng. Wer in drei Tests keine Antwort findet, fliegt nicht nach North Carolina – sondern in den Urlaub. Die Botschaft ist klar: Wer nicht trifft, tritt ab. Und wer hinten patzt, fliegt raus. Die deutsche Nationalmannschaft hat 76 Tage, um aus einem Sieg gegen Ghana eine echte WM-Maschine zu bauen. Die Uhr läuft. Und der Regen in Stuttgart war nur der Vorgeschmack.