Spanien schluckt sich in die abhängigkeit – beruhigungsmittel explodieren um 300 %

Ein Rausch ohne Kater? Der Mythos zerbröselt gerade. Zwischen 2005 und 2022 haben die Spanierinnen und Spanier dreimal so viele Beruhigungs- und Schlafmittel verschluckt wie zuvor. Jährlich plus 4,7 Prozent – ein Wachstum, das selbst Pharma-Managers blinzeln lässt.

Die 55-jährige managerin aus vigo ist das neue gesicht des problems

21,4 Prozent der Frauen zwischen 55 und 64 Jahren greifen mindestens einmal im Monat zur Tablette. Das ist 65 Prozent mehr als bei ihren Männern. Galicien führt die traurige Rangliste mit 14,1 Prozent, gefolgt von den Kanaren (13,6) und Andalusien (12,5). Madrid bleibt mit 5,2 Prozent unter dem Radar – aber auch nur, weil dort die Privatrezepte selten in die Statistik fließen.

Der Teenager nebenan ist nicht besser dran: Jeder fünfte Jugendliche zwischen 14 und 18 hat schon mal Lorazepam oder Zolpidem probiert, jeder achte in den letzten zwölf Monaten. Die Pillen kommen aus der Hausapotheke der Eltern, eingeschleust durch die vermeintliche Ungefährlichkeit „legaler“ Medikamente. Das Ergebnis: reversible Demenz bei Oma, ersten Entzugstremor beim 16-jährigen Nachwuchsfußballer.

Die Pharmaindustrie liefert, die Ärzte unterschreiben. Toleranz entsteht nach wenigen Wochen, Abhängigkeit nach Monaten. Die Nebenwirkungsliste liest sich wie ein Horrorszenario: Gedächtnislücken, Sturzrisiko, gastrointestinales Desaster – und plötzlich auch noch ein zweifach erhöhtes Mortalitätsrisiko, wenn das Benzodiazepin auf Opioid trifft.

Was niemand auf dem Rezept stehen hat: Der Schlaf wird nicht besser, nur kürzer. Die kognitive Verwirrung bleibt, der natürliche Rhythmus verabschiedet sich. Studien zeigen, dass nach drei Jahren Dauereinnahme der Schlaf sogar schlechter ist als vor der ersten Tablette.

Kognitive verhaltenstherapie schlägt chemie mit 33 prozent erfolg

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Ein Ausweg existiert – aber er verlangt Zeit statt Tablette. Kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (KV-I) reduziert den Medikamentenkonsum um ein Drittel und hält die Verbesserung auf Dauer aufrecht. Schlafhygiene, Stressregulation, Psychotherapie – Methoden, die nicht sedieren, sondern heilen. Die Kassen zahlen, wenn man es durchboxt. Die Mehrheit der Betroffenen weiß es nicht.

Spanien steht also vor einer doppelten Herausforderung: Die ältere Frau in Galicien muss ihren Entzug wagen, der Teenager in Madrid muss lernen, dass keine Pille die Prüfungsangst ausschaltet, ohne dafür die Zukunft zu verpfänden. Der Preis der Ignoranz ist messbar: 300 Prozent mehr Pillen, 100 Prozent mehr Abhängige. Die Lösung liegt nicht im Schrank der Eltern, sondern im Kopf der Betroffenen.