Norwegen wird zum schweizer wohnzimmer: die speed-queens und könige von kvitfjell

Lillehammer rückt näher, und mit ihm die letzten acht Rennen, die über Kristallkugeln und Saison-Helden entscheiden. Doch wer in der Skizunft tippen will, muss in die Vergangenheit schauen – genauer: nach Kvitfjell und Hafjell. Dort schreibt die Schweiz seit Jahrzehnten ihre erfolgreichste Nordland-Saga. 24 Podestplätze, neun Siege, ein Hypnose-Comeback und ein Prinz, der sich selbst hypnotisierte: Das ist kein Epilog, das ist ein offenes Kapitel.

Beat feuz baute sich sein wohnzimmer – und zog nie aus

2011, 13. März, 11.30 Uhr: Feuz springt als Neuling in die Abfahrt, landet auf Rang eins. 24 Stunden später folgt Platz drei, ein Jahr danach der Super-G-Sieg. Was danach kommt, liest sich wie ein Tagebuch, das kein Schweizer weglegen kann: acht weitere Podeste, bis zuletzt 2022, als er mit Niels Hintermann gemeinsam das Treppchen räumte. Die Piste ist flach, die Kurven lang – perfekt für die «Emmental-Linie», die Feuz perfektionierte. Gegner reden gern vom «Heimspiel ohne Heimrecht». Für Feuz war es einfach das Wohnzimmer, in dem er nie das Licht ausmachte.

Didier cuche holte sich den thron – und ließ das schild dran

Didier cuche holte sich den thron – und ließ das schild dran

1998 krachte Cuche erstmals über das Podest, 2011 setzte er den Schlusspunkt. Drei Siege, sechs weitere Top-3-Plätze, alle in Kvitfjell. Dazwischen liegt ein Bogen, der so typisch ist für die Schweizer Speed-Dynastie: Langlebigkeit plus Präzision. 2007 und 2010 Abfahrt, 2011 Super-G – jedes Mal die gleiche Gänsehaut im Ziel. «Wenn du hier oben stehst, hörst du das Knistern der Zeit», sagte er einmal. Das Knistern wurde zur Hymne.

Niels hintermann fand sich selbst – und dann die ziellinie

Niels hintermann fand sich selbst – und dann die ziellinie

Zwei Jahre, zwei Siege, ein Hypnose-Coach. 2022 teilt er sich den Sieg mit Cameron Alexander, 2024 feiert er ihn solo. Dazwischen: Rückschläge, Selbstzweifel, Schlafstörungen. Die Lösung: Ein Coach, der ihn auf das Abfahrtsschild von Kvitfjell visualisiert. Am Ende visualisierte sich Hintermann selbst – und die Uhr blieb bei 1:45,32 stehen. Sein drittes Podest, seine zweite Abfahrt, sein erstes Ich.

Frauen endlich wieder am start – und gleich mit schweizer akzent

Frauen endlich wieder am start – und gleich mit schweizer akzent

17 Jahre lang warteten die Schweizer Damen auf ein Top-3 in Norwegen. Dann kam 2023: Lara Gut-Behrami wird Dritte, Corinne Suter Zweite, Jasmine Flury fast das Triple – bis das Wetter dreht. 24 Stunden später sieht die Welt wieder österreichisch aus, doch der Funke ist übergesprungen. 2024 folgt Gut-Behramis Sieg, zwei zweite Plätze, dazu Flury und Suter im Sprint-Modus. Die Bilanz: drei Podeste in vier Rennen – ein Schweizer Frauen-Tsunami, der erst beginnt.

Die jüngste super-g-panne war keine panne – nur ein ausrutscher

Die jüngste super-g-panne war keine panne – nur ein ausrutscher

Ein einziges Mal seit 2020 stand kein Schweizer auf dem Podest: der Super-G 2024. Statistiker nennen es Ausreißer, Insider nennen es Pech. Denn tags zuvor lieferten sich Franjo von Allmen, Marco Odermatt und Stefan Rogentin ein Trio, das selbst Dominik Paris alt aussehen ließ. Drei Schweizer auf dem Treppchen – das war keine Reminiszenz, das war Vorschau.

Die acht letzten rennen – ein offenes buch mit norwegischem einband

Kvitfjell und Hafjell liefern das Setting, die Schweiz liefert die Hauptfiguren. Odermatt fühlt sich in Hafjell pudelwohl, Meillard schon fast zu Hause. Auf der Frauen-Seite wartet Gut-Behrami auf ihre dritte Kristall-Kugel, Suter auf ihre erste. Die Zeitrechnung ist simpel: Wer in Norwegen punktet, pflückt am Saisonende Globen. Und wer die Statistik kennt, weiß: Die Schweizer fahren nicht nach Skandinavien – sie fahren nach Hause. Die Uhr beginnt erneut bei 0:00. Die Favoriten tragen Rot-Weiss. Der Countdown läuft.