Kriechmayr zögert: 20. sieg oder letzter bogen für den ösv-routinier?

Vincent Kriechmayr schoss in Courchevel mit dem Schwung eines Mannes, der sich selbst beweisen wollte, dass er noch kann. Der 34-Jährige verhinderte mit seinem 20. Weltcupsieg eine Negativserie von 23 sieglosen Abfahrten – und kippte damit die österreichische Krisenstory kurzfristig in eine Jubelstory. Doch kaum hatte sich der Staub über der Zielaufstellung gelegt, sickerte Zweifel durch: War das der letzte grosse Auftritt?

Kriechmayr selbst lieferte nach dem Rennen kein klares Bekenntnis, sondern ein offenes Zugeständnis. „Vor der Saison war ich sicher, dass ich nach dem Jahr den Hut drauf haue“, sagte er. Der Satz klang nicht wie ein Nebenschauplatz, sondern wie ein Mantra, das er sich monatelang vorgesungen hatte. Dann kam der Sieg, und plötzlich wurde alisatorisch. „Ich habe für mich noch keine Entscheidung getroffen.“

Feuz mischt sich ein – und schürt die unruhe

Die Gerüchteküche erhielt zusätzlichen Treibstoff durch Beat Feuz. Der Schweizer, einst selbst Speed-König, kennt Kriechmayr aus gemeinsamen Head-Zeiten. Sein Kommentar im Blick war kein Bluff: „Im Herbst habe ich geglaubt, dass Vinc noch länger Skirennen bestreiten wird. Aber mittlerweile wäre ich nicht mehr überrascht, wenn er nach dieser Saison den Rücktritt bekannt gäbe.“ Das klang nicht nach Ferienplauderei, sondern nach Einschätzung eines Mannes, der weiss, wie wenig man mit 34 Jahren noch übrig hat, wenn der Körper muckt.

Kriechmayr bestätigt, dass der Spass zurück ist. „Aktuell macht mir das Skifahren grossen Spass.“ Aber er stellt klar: Der Sieg in Courchevel sei nicht der ausschlaggebende Moment. Die Entscheidung hänge von „gewissen Dingen“ ab, die nicht privat seien. Was das heisst? Er schweigt. Und genau diese Leere füllt sich mit Spekulationen. Sponsoring-Verträge, interne ÖSV-Strukturen, die Frage, ob der Verband auf junge Kräfte setzt – alles liegt in der Luft.

Super-g-kugel weg, saisonziel verpasst

Super-g-kugel weg, saisonziel verpasst

Die Sportlichkeit liefert ein zusätzliches Argument für ein vorzeitiges Karriereende. Die beiden abgesagten Super-G-Rennen am Wochenende beseitigten Kriechmayrs letzte Chance auf die kleine Kristallkugel. Der Rückstand auf Marco Odermatt beträgt 158 Punkte, ein ausstehendes Rennen reicht nicht. „Ich habe zu viele Super-G heuer verschenkt“, sagt er mit nüchternem Blick auf die Statistik. Wer so offen über eigene Versäumnisse spricht, hat entweder nichts mehr zu verlieren – oder plant bereits den Abgang.

Die österreichische Speed-Abteilung steht ohnehin am Scheideweg. Nach 700 Tagen ohne Podest in der Abfahrt war Kriechmayrs Platz zwei in Wengen kaum mehr als ein Tropfen auf heissen Stein. Der Sieg in Courchevel war ein Befreiungsschlag, aber kein Befreiungsdokument. Hinter ihm wartet keine neue Generation, die Locker rauscht. Hinter ihm wartet Fragezeichen.

Kriechmayr wird die Saison zu Ende fahren. Danach? Vielleicht sagt er es sich selbst noch nicht. Aber eines steht fest: Wenn er geht, verliert der ÖSV mehr als einen Routinier. Er verliert die letzte Konstante in einer Disziplin, die einst österreichisches Territorium war. Und er verliert die Lebensversicherung, die ihn selbst noch einmal rettete – bevor er selbst die Police kündigt.