Kamila sellier: mit titan im gesicht zurück aufs eis
Die Bilder gingen um die Welt: Kamila Sellier liegt auf dem Eis von Cortina, das linke Auge blutüberströmt, die Konkurrentin neben ihr rutscht weiter, als wäre nichts gewesen. Drei Monate später sitzt die 25-jährige Schnellläuferin im Studio von TVN und lacht – zumindest mit der rechten Gesichtshälfte. Die linke bleibt starr. Titannetz, Bruch, Doppelbilder. Doch sie sagt: „Ich werde wieder starten.“
Die sekunde, die fast das aus bedeutete
Der Unfall passierte in der vierten Runde des Massenstarts. Ein Rempler, ein Bein ragt zu hoch, die Kufe der Polin vor ihr trifft genau den Brillenrand – und schlägt dann tiefer. „Ich spürte nur ein dumpfes Krachen, dann war alles rot“, erzählt Sellier. Erst auf der Streckenkamera wird klar, wie knapp die Klinge an der Sehnerven-Bahn vorbeischrammte. 14 Stunden Not-OP, eine Titanplatte als Orbitalboden, ein Jochbein in drei Fragmenten. Die Ärzte notieren „bedrohliche, aber nicht lebensbedrohliche Verletzung“. Für eine Athletin, deren Antwort auf die Frage „Was ist dein Kapital?“ lautet: „Meine Augen und meine Beine“, ist das ein Satz mit zweideutigem Nachgeschmack.
Was danach kommt, ist kein Rehabilitationsplan aus dem Lehrbuch. Sellier weigert sich, die Rollstuhlgänge im Krankenhaus als „Fortschritt“ zu feiern. Stattdessen lässt sie sich mit dem Eisförderband ins Fitnessstudio liefern, um das linke Bein – das beim Sturz ebenfalls geprellt wurde – wieder in Schuss zu bringen. „Jeder Tag, an dem ich nichts mache, ist ein Tag, an dem die Konkurrenz dreißig Kilometer mehr fährt“, sagt sie. Ihr Trainer, der Kanadier Michael Ireland, schickt ihr Trainingspläne mit dem Vermerk: „Vision um 20 % reduziert, aber Herzschlag normal.“

Nachwirkungen, die die karriere neu justieren
Die Doppelbilder sind geblieben. Wann immer Sellier den Blick nach oben richtet – bei der Einlaufkontrolle, beim Startblock, bei der Zielkamera – spalten sich die Linien. „Ich sehe zwei Ziele, muss mich für das rechte entscheiden, obwohl ich weiß, dass das linke das echte ist“, beschreibt sie den Konflikt. Sportpsychologen nennen das „kognitive Mehraufwand“; für sie ist es einfach „Mental-Arm“. Dennoch: Bei den Weltcups in Tomaszów und Heerenveen fuhr sie bereits Points. Nicht ganz so schnell wie vor dem Sturz, aber schnell genug, um die Qualifikation für die nächste Saison nicht zu gefährden.
Die Narbe zieht sich wie ein zarter weißer Blitz von der Augenbraue bis zur Nasenwurzel. Sellier versteckt sie nicht. Im Gegenteil: Bei Sponsoren-Terminen trägt sie bewusst keine Sonnenbrille. „Ich will, dass die Kids sehen: Man kann mit einem gebrochenen Gesicht noch immer lächeln.“ Die Botschaft scheint anzukommen. Ihre Social-Media-Kanäle explodieren nach jedem Post – nicht wegen des Unfalls, sondern wegen der Comeback-Story. Die Zahl der jungen Mädchen, die in Pelkum und Umgebung Eislaufkurse belegen, ist seit März um 37 % gestiegen. Eine Statistik, die Sellier stolzer macht als jede Medaille.

Die saison 2024/25 steht vor der tür – und mit ihr die nächste frage
Am 10. November fällt der Startschuss in Obihiro. Sellier wird dabei sein, das hat sie sich als Ziel gesetzt. Ob sie die Qualifikationsnorm packt, wird sich zeigen. Die Ärzte haben ihr geraten, bei starker Belastung auf „zu ruckartige Kopfbewegungen“ zu verzichten. Auf dem 400-Meter-Oval klingt das wie ein Witz. „Dann eben mit Helm und Visier“, kontert sie. Ihr Equipment-Sponsor arbeitet bereits an einer Spezialbrille mit prismatischem Glas, das die Doppelbilder korrigiert. Die Kosten: 38.000 Euro. Die Entscheidung, ob das Internationale Skatingunion-Budget dafür reicht, fällt Ende August.
Bis dahin trainiert sie zweimal täglich auf der alten Radrennbahn in Inzell, wo das Licht sanfter ist und die Schatten weniger irritieren. Abends sitzt sie mit ihrem Vater am Küchentisch, baut die gefahrenen Runden in Excel-Tabellen um und lacht über die Tippfehler des Physios. „Früher hab ich gezählt, wie viele Sekunden ich schneller bin. Jetzt zähle ich, wie viele Tage ich ohne Kopfschmerzen bin.“ Die Bilanz fällt gut aus: Seit Juni durchschnittlich 23 pro Monat. Ein Wert, der sie auf Platz eins der nationalen Rangliste bringt – zumindest in der Kategorie „Resilienz“.
Die Saison wird hart, das weiß sie. Die Gegnerinnen aus Niederlande und Kanada haben neue Ausdauerkonzepte, die Streckenposten sind höher geworden, und das Auge wird wohl nie wieder hundertprozentig sein. Aber Kamila Sellier hat gelernt, dass man nicht zwei Ziele sieht, sondern zwei Optionen: Aufgeben oder weitermachen. Sie wählt Weitermachen. Am 10. November, so hat sie sich geschworen, wird sie in Obihiro nicht einfach nur starten – sie wird an die Spitze sprinten. Mit einem A voller Titan und einem Herz voller Absicht.
