Jena beendet 16-jährige fluch-serie mit irrstem pokal-krimi aller zeiten

5.849 Tage hat es gedauert, bis Carl Zeiss Jena wieder in Erfurt jubeln durfte. Was die Fans am Sonntag im Steigerwaldstadion erlebten, war kein Fußballspiel – es war ein Film, dessen Drehbuch selbst Hollywood verschmäht hätte. Zehn Tore, ein verschossener Elfmeter, ein Keeper, der zur Legende wurde, und ein Freistoß, der erst die Verlängerung und dann den 9:7-Endstand nach 11-Meter-Schießen besiegelte.

Der 88. minute, der alles auf den kopf stellte

Nicolas Wähling stand 22 Meter vor dem Tor. Die Uhr zeigte 87:59. Erfurt führte 4:3, das Finale war zum Greifen nah. Dann zirkelte der Jenaer die Kugel perfekt ins linke Eck – Keeper Lorenz Otto streckte sich vergeblich. „Wir haben den Freistoß selbst eingebettet“, sagte RWE-Coach Fabian Gerber später mit rotem Kopf. Was folgte, war 120 Minuten Wahnsinn plus 22 Elfmeter.

Die Zahlen lallen noch heute: fünf Treffer vor der Pause, acht nach 90 Minuten, zehn nach Verlängerung. Und dann ein Wettschießen, in dem Marius Liesegang zweimal parierte, ehe Awoudja und Assibey-Mensah scheiterten. 15.040 Zuschauer flogen zwischen Ekstase und Koma – nicht ein einziger hatte vorzeitig die Kurve gekratzt.

Volkan uluc: „von diesem spiel wird man in zehn jahren noch reden“

Volkan uluc: „von diesem spiel wird man in zehn jahren noch reden“

Jenas Trainer sprach, als hätte er gerade einen Krieg überstanden. Seine Stimme war heiser vom Dauerkreischen, die Krawatte schief, die Augen glasig. „Wir haben Geschichte geschrieben“, sagte er und wischte sich Schweißperlen aus dem Bart. Der 43-Jährige hatte seine Mannschaft in eine Fünferkette umgebaut, die Erfurts Kombinationsspiel erstarrte wie Lack im Frost. Konter, Standards, Nadelstiche – Jena spielte, als gäbe es kein Morgen.

Für Erfurt bleibt der bittere Beigeschmack: fünf Tore schießen und trotzdem rausfliegen – das passiert selten. „Wir haben die Gegentore zu einfach bekommen“, monierte Gerber. Drei davon nach Ecke oder Freistoß, zwei nach Ballverlust in der Vorwärtsbewegung. Die Statistik: RWE traf doppelt so oft wie Jena und verlor dennoch. Ein Fußball-Märchen mit schlechtem Ende für die Hausherren.

Ende des fluchs, beginn einer neuen ära

Ende des fluchs, beginn einer neuen ära

Der letzte Jenaer Sieg in Erfurt datierte sich auf den 28. März 2010 – 3:0, damals noch in der 3. Liga. Seitdem hatte RWE die Derby-Bilanz auf 3:1-Erfolge hochgezogen. Nun steht Jena im Finale gegen Meuselwitz, der Titelverteidiger, der sich mit 3:1 in Bad Frankenhausen durchsetzte. Das Endspiel am 23. Mai im Ernst-Abbe-Sportfeld verspricht bereits neue Dramatik – doch egal, wie es ausgeht: das Duell vom 29. März 2026 ist längst Legende.

Und die Fans? Sie reden noch heute. Von Wählings Freistoß, von Liesegangs Handschuhen, von der 112. Minute, als Mashigo zum 5:5 traf. Sie reden von einem Fußballabend, der bewies: Sport verbindet nicht nur – er entführt uns für zwei Stunden in eine Welt, in der alles möglich ist. Selbst das Unmögliche.