Stuttgart verschenkt sieg in letzter sekunde: lemgo stiehlt tvb den jubel

32:32 – die Zahl brennt sich ins Stuttgarter Hirn. Die Anzeigentafel zeigt Unentschieden, doch im Kopf von Lenny Rubin steht nur: verlorener Sieg. 59 Minuten und 50 Sekunden lang dominierte der TVB 1898, führte mit drei Toren, schürfte Luftholen im fast ausverkauften Porsche-Arena. Dann kam Lemgo. Und mit Lemgo die kalte Dusche. Sekundenbruchteil. 32:32. Mucksmäuschenstill.

Rubin liefert sich selbstgespräch – und neun tore

„Wir belohnen uns nicht“, sagt der Schweizer und klingt, als würde er sich selbst anklagen. Neun Treffer trugen seine Handschuhe, doch die zehn Sekunden, in denen Samuel Zehnder frei aufs Tor zog, wiegen schwerer. „Wir machen in der Crunchtime Fehler, die uns nicht passieren dürfen.“ Die Crunchtime – ein Wort, das klingt wie ein Zangenangriff. Und genau das war es.

Die Statistik lügt nicht: Stuttgart war das ganze Spiel über die bessere Mannschaft, warf sich in jeden Zweikampf, ließ die Lemgo-Deckung alt aussehen. Doch Handball ist kein Schönheitswettbewerb. Er ist ein Spiel aus 60 Minuten, und die letzten zehn Sekunden schreiben die Überschrift.

Mengon-ausfall wirft schatten – und rubin in die bresche

Mengon-ausfall wirft schatten – und rubin in die bresche

Unter der Woche riss Marco Mengon die Kreuzband-Sehne. Ein Schicksalsschlag, der die Kabine trifft wie ein Gegentor in der Nachspielzeit. „Traurig“, sagt Rubin und schluckt. Die Minuten, die Mengon fehlt, muss er jetzt selbst erlaufen. Mehr Einsatzzeit, mehr Verantwortung, mehr Druck. Gegen Lemgo lieferte er ab – und kassierte trotzdem nur einen Punkt. Der TVB-Heimfluch in ganz anderer Deutung.

Dabei war die Heimserie fast makellos: sieben Punkte aus den letzten acht Partien im eigenen Park. „Wir fühlen uns brutal wohl zu Hause“, hatte Rubin noch vor dem Anwurf gesagt. Nach dem Schlusspfiff klang „brutal“ plötzlich wie Hohn.

Lemgo zeigt die rückkehr der never-give-up-mentalität

Lemgo zeigt die rückkehr der never-give-up-mentalität

Die Lipper kamen als Tabellenneunter, verließen den Kessel als moralischer Sieger. Drei Tore Rückstand? Egger. Lemgo spielt Handball wie ein Boxer, der nach der neunten Runde noch mal aufsteht. Zehnder traf, die Bank explodierte, Stuttgart erstarb. „Top-Mannschaft“, gibt Rubin kleinlaut zu. Es klingt wie eine Beichte.

Für die Stuttgarter bleibt die Erkenntnis: Punkte gegen Lemgo sind kein Selbstläufer, sondern Schweißarbeit bis zur letzten Sekunde. Und manchmal reicht selbst 59:50 Minuten Überzahl nicht. Die Saison ist noch lang, doch die Lektion von Sonntagabend wird sitzen: Wer in der Handball-Bundesliga einnickt, wird wachgeküsst – mit dem kältesten aller Küsse.

32:32 – die Zahl wird den TVB begleiten. Nicht als Erinnerung an einen Punkt, sondern als Mahnung: Der Sieg wartet nicht, bis man ihn sich sicher glaubt. Er wartet gar nicht. Er geht einfach.