Jacquelin hängt gewehr an den nagel und greift zum rad: „ich lebe meinen kindheitstraum“

Der Mann, der in Antholz noch mit Marco-Pantani-Ohrring Gold holte, tritt ab 1. Mai in die Pedale statt in die Loipe. Emilien Jacquelin, 30, Olympiasieger und fünfmaliger Biathlon-Weltmeister, unterschreibt bei Decathlon-CMA CGM – und meint das todernst.

Kein pr-gag, sondern sechs monate vollgas

„Ich habe einen halbjährlichen Praktikumsvertrag, auch wenn noch nicht jede Etappe feststeht“, sagt er der L’Equipe. Das klingt bescheiden, ist aber ein Kraftakt. Denn Jacquelin will nicht einfach mitfahren, er will angreifen. Die Staffel-Gold-Medaille von 2022 baumelt nicht mehr im Nacken, sondern der Pantani-Ohrring, den dessen Familie ihm lieh. „Marco hat mich zum Sport gebracht“, wiederholt er wie ein Mantra.

Die Nacholympische Saison nutzt er als Ausbruch, nicht als Ausstieg. „Ich will meine Komfortzone verlassen, bevor ich 2030 in die Heimspiele starte“, sagt er. Der französische Verband billigt das Experiment, weil Radfahren längst Teil seiner Sommerarbeit ist. 1.000 Kilometer pro Woche, Watt-Werte, die sich mit den Besten messen lassen – das steckt schon in ihm.

Lipowitz bewies: quereinstieg geht bis ans podest

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Florian Lipowitz war vor zwei Jahren noch Deutscher Biathlon-Nachwuchs, nun steht er bei der Catalunya-Rundfahrt auf dem Treppchen. Jacquelin kennt die Zahlen: 3.500 km Saisonleistung, 6,2 Watt/kg bei der FTP. „Ich komme nicht, um jemandem den Platz wegzunehmen“, betont er. Aber er kennt die Geschwindigkeit der WorldTour, und er kennt seinen eigenen Ehrgeiz.

Teamchef Jean-Baptiste Quiclet rechnet offen mit ihm: „Emilien bringt Explosivität und Aerobik, die wir in der Gruppe brauchen.“ Sprich: Er soll Bergankünfte mitreißen, nicht nur hinterherfahren. Ein Einsatz bei der Tour de France ist kein Märchen, sondern eine Option für 2026, sollte der Körper mitspielen.

Pantanis erbe und ein ziel, das größer ist als gold

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1998 saß der kleine Emilien vor dem Fernseher, als der italienische Pirat Mortirolo und Gavia bezwingt. Seitdem trägt er diesen Sprint im Kopf. Jetzt will er ihn in die Beine packen. Die Olympia-2030-Planung bleibt, doch zuerst gilt: Cols spüren, Wind schmecken, Klingeln hören.

Er wird nicht der erste, der vom Schnee aufs Asphalt wechselt. Roglic kam vom Sprung, Evenepoel vom Fußballplatz. Jacquelin kommt vom Schießstand. Der Unterschied: Er bringt bereits die Herzfrequenz eines Hochleistungsradsportlers mit. Die Frage ist nicht, ob er mithalten kann, sondern wie schnell er lernen wird, die Attacke im richtigen Moment zu setzen.

Die Uhr tickt. Am 1. Mai rollt er in sein neues Leben – mit 30, mit Gold im Gepäck und mit dem Ziel, irgendwann an der Stelle zu stehen, wo einst sein Idol die Arme hob. Wenn er dann den Ohrring auf der Ziellinie trägt, ist das kein Symbol mehr, sondern eine Standortbestimmung. Die Geschichte schreibt sich live, nicht in der Retrospektive.