James rodríguez brillt, minnesota verliert – die mls-paradoxie vor der wm
169 Minuten, ein MVP-Pokal – und kein einziger Sieg mit ihm auf dem Platz. James Rodríguez ist in Minnesota der glänzende Statist, nicht der Matchwinner. Die Copa-Maschine läuft, der Zehner steht am Rand.
Der teure zweikampf gegen die uhr
Seit Februar trägt der Kolumbianer das Trikot der Loons, doch das System von Coach Eric Ramsay atmet nur, wenn James Rodríguez kurz pustet. Die Zahlen sind lauter als alle PR-Sprech: vier Siege in Folge, in denen der 35-Jährige entweder fehlte oder nur Nachspielzeit kassierte. Gegen LAFC gab’s nun das erste Startelf-Debüt – und wieder keine drei Punkte.
Die Logik ist gnadenhaft. Minnesota setzt auf Gegenpressing und Sprintstaffeln, James will Tempo drosseln, Linien öffnen, den Ball mal denken lassen. Dazwischen klafft eine Lücke von 0,78 Punkten pro Spiel – Tendenz fallend. Die Fans feiern trotzdem jeden gefilterten Diagonalball, weil sie das Kunststück sehen: einen Dirigenten, der kein Orchester hat.
Néstor Lorenzo landete deshalb am Dienstag in Minneapolis. Der kolumbianische Nationalcoach wollte nichts hören, er wollte sehen: Knie stabil? Oberkörper aufrecht? Pässe noch mit Drall? Die Antwort fiel zwiespältig aus. James traf zweimal den Lattenkracher, aber erst in der 73. Minute sprinte er – für Standards. Die Laktatwerte danach: kein Thema, sagt Betreuerstaff. Die Spielrhythmus-Kurve: eine Wüste.

Die trophäe, die niemand haben will
MVP des Spiels – diese Ehre ist in der MLS ein Algorithmus, kein Siegerehrung. James führte 81 % Passgenauigkeit, drei Schlüsselpässe, zwei Torschüsse auf. Doch die Software wertet nicht aus, ob seine Aktionen punkten. So ging die Trophäe an den Verlierer, der zugleich Gewinner einer Statistik war. Ein Scherz des Fußballs.
Im Kader der Loons wächst deshalb die leise Revolte. Jungspunde wie Bongokuhle Hlongwane setzen sich durch, weil sie 11 Kilometer pro Match rennen, nicht 11 Sekunden Ballbesitz. Die Umkleide spaltet sich in zwei Lager: die Kreativen, die James’ Seh- und Passqualität verehren, und die Athleten, die sein Defensiv-Tracking mit bloßen Augenrollen quittieren. Ramsay schwankt – Ergebnis vor Ästhetik, lautet die Devise, wenn der Play-off-Strudel droht.
Colombia schaut verstohlen zu. Die WM rückt mit 44 Tagen ins Blickfeld, und der Kapitän spielt nur, wenn die Gegner schon müde sind. Lorenzo hat keine Zeit für Sentimentalitäten: „Wir brauchen Spieler mit Dampf im Kessel“, murmelte er nach dem Training, ohne Namen zu nennen. Jeder wusste, wen er meinte.
James selbst wirkt unerschütterlich. „Ich werde bereit sein“, sagt er, während er Eispack um die Wade schnallt. Die Phrase klingt wie ein Mantra gegen die Realität. Fakt ist: Seit 2020 absolvierte er keine 1.000 Liga-Minuten in einer Saison. Fakt ist auch: In Katar 2022 war er trotz mickriger Vorbereitung Titular, weil Kolumbien ohne ihn die Tore vergisst. Diesmal aber fordert der Kader Tiefe, nicht nur Glamour.
Die Uhr tickt. Minnesota reist nächste Woche nach Cincinnati, wo Pressing-Monster Luciano Acosta wartet. Sollte James wieder nur 20 Minuten erhalten, bleiben ihm noch fünf Liga-Spiele, um Ramsay zu überzeugen – und Lorenzo die letzte Sorge zu nehmen. Sonst droht dem Spielmacher das Schicksal eines Luxus-Ersatzes, der bei der WM nur noch mit der Kamera jubelt.
Der Sport zeigt keine Gnade mit schönen Geigen, wenn das Stück nach Trommeln klingt. James Rodríguez muss jetzt rennen, nicht nur passen. Sonst bleibt ihm die Trophäe vom Samstag als teuerster Trost der MLS-Geschichte – und die WM als Turnier, das er von der Bank dirigiert.
