Inter-angst: ohne lautaro versiegt der tor-strom – thuram irrt wie ein gespenst
34 Tage hat Marcus Thuram kein Tor mehr erzielt. Im leeren Stadion klingt das wie ein Todesurteil. Denn während der Franzose am Samstag gegen Atalanta wieder nur die Kugel auf Carnesecchi jagte, offenbarte Inter jene Wunde, die schon seit Wochen blutet: Ohne Lautaro Martínez rutschen die Nerazzurri auf 1,25 Tore pro Spiel ab – mit ihrem Kapitän waren es noch 2,4.
Chivu setzt auf den falschen totem
Trainer Cristian Chivu zog Thuram 82 Minuten lang durch die Hölle, obwohl die Tribüne schon nach zehn Minuten pfeift. Die Statistik nagt an Thurams Selbstbild: Letzter Treffer am 8. Februar in Reggio Emilia, seitdem 13 Schüsse, erwartete Tore: 2,1 – Realität: 0. Die Psychologie dahinter ist so alt wie der Fußball selbst: Nach dem Muskelriss im Januar spielt Thuram wie gegen seinen Schatten an. Er scheint das explosiv-schnelle Antrittsspiel verloren zu haben, das ihn in den ersten sieben Saisonspielen sieben Mal traf.
Und da ist noch Pio Esposito, 19 Jahre, Liebling der Kurve. Er traf gegen Atalantas Dreierkette und rettete Inter mit seinem dritten Saisontor vor der blamanten Nullnummer. Doch selbst Esposito kann die Lücke nicht allein füllen. Die Bälle, die Thuram frühzeitig hätte verwandeln müssen, fallen jetzt als Konter auf die Füße der Dea. Die 63. Minute war symptomatisch: Mkhitaryan schickt Thuram steil, der Torjäger zögert, visiert Carnesecchi an – der Keeper pariert. Hätte er getroffen, stünde Inter 2:0 vorne, das Schiedsrichter-Debakel wäre nur eine Randnotiz.

Lautaro reift als phantom
Im Trainingszentro di Appiano Gentile wartet der Kapitän auf den Gruppeneinstieg. Noch diese Woche will das Medizin-Team die Belastung steigern, ein Einsatz gegen Florenz am Sonntag ist möglich, aber kein Freifahrtschein. Denn Lautaro fehlt nicht nur als Vollstrecker – seine 37,6 Pässe pro Spiel in der gegnerischen Hälfte sind das Bindemittel, das Inters Pressing funktionieren lässt. Seine Rückkehr ist der emotionale Katalysator, auf den Conte-Nachfolger Simone Inzaghi jahrelang baute.
Inter muss sich fragen, ob Thuram jemals wieder die Selbstverständlichkeit findet, mit der er die Hinrunde dominierte. Die Parallele zur Vorsaison ist erschreckend: Nach dem Dezember-Crash 2024 steuerte er bis Mai nur zwei Liga-Tore bei. Die Datenanalysten sprechen von „mentaler Erschöpfung im Anschluss an kurze Hochphasen“. Der Verein prüft, ob eine Kur-Pause sinnvoller wäre als ein weiteres Durchbeißen. Denn wenn selbst Esposito irgendwann die Puste ausgeht, bleibt vor dem Tor nur noch Leere.
Der nächste Schritt ist klar: Gewinnen gegen Florenz, bevor die Meister-Play-offs beginnen. Ohne Lautaro ist das ein Befreiungsschlag – mit ihm eine Rückkehr zur alten Stärke. Aber die Uhr tickt. Und Thuram weiß: Noch ein Fehlstart, und das San-Siro wird ihn nicht mehr fragen, wo er geblieben ist – sondern warum er überhaupt noch spielt.
