Hsg wetzlar vor dem abgrund: 28 jahre bundesliga stehen auf dem spiel

28 Jahre ohne Abstieg – und jetzt dies: Die HSG Wetzlar kassierte im Hessenderby eine 32:38-Schlappe gegen MT Melsungen und rutscht auf Rang 18. Die Uhr tickt. Am Samstag geht’s nach Minden. Verliert der Traditionsklub dort auch, dürfte der Bundesliga-Dino endgültig aussterben.

Sigtryggsson wirkt resigniert – und das mitten im abstiegskampf

Runar Sigtryggsson ist Trainer Nummer fünf seit dem Kai-Wandschneider-Aus 2021. Der Isländer sprach nach der Niederlage von fehlendem „Kampfgeist“. Dabei hatte er gerade erst ein System implementiert, das auf Tempo und aggressiven Rückzug setzt. Doch die Mannschaft folgt nicht. Die Folge: 28 Gegentore schon in der ersten Hälfte, ein klares 15:21 zur Pause. „So verteidigt kein Bundesligist“, sagte Sportdirektor Michael Allendorf ins Mikro von Dyn, „wir wirkten wie gelähmt.“

Die Zahlen sind gnadenlos: nur drei Siege aus 22 Spielen, 654 Gegentore – Schlusslicht in fast jeder statistischen Kategorie. Der siebenwöchige Bänderriss von Top-Scorer Julius Kühn, Kreisläufer Christoph Huckezieht sich seit Oktober eine Schulterverletzung, und auf der rechten Abwehrseite fehlt mit Elias Scholz der einzige echte 1-gegen-1-Steher. Sigtryggsson improvisiert mit Feldspielern im Kreis und muss trotzdem 60 Minuten lang wechseln. „Wir haben 18 Profis, aber nur neun gesund“, klagt er.

Minden wird zur letzten boje – vier punkte bis zur rettung

Minden wird zur letzten boje – vier punkte bis zur rettung

Der TSV Minden ist kein Unbekannter. Beide Klubs trennen 226 Autobahn-Kilometer, beide budgetsind vergleichbar, beide stehen im Keller. Der Unterschied: Minden gewann sein letztes Heimspiel gegen Hamburg, Wetzlar wartet seit Januar auf einen Dreier. Wer am Samstag um 19 Uhr in der Kampa-Halle punktet, behält die Relegation in eigener Hand. Verliert Wetzlar, liegt der Rückstand auf Platz 16 bei theoretisch noch erreichbaren 30 Punkten – bei nur zehn Partien bis zum Saisonende.

Die Fans reagieren mit Mischung aus Wut und Trauer. „28 Jahre Bundesliga – das war unser Stolz“, sagt Ultras-Sprecher Timo Lorch. „Aber wenn die Mannschaft so weiterspielt, verdienen wir den Abstieg.“ Die Vereinsführung um Geschäftsführer Frank Möllerwill trotzdem nicht vom Sportlichkeit-Prinzip abrücken: kein Trainerwechsel, kein Kurzzeit-Star mit Millionen-Budget. „Wir bauen auf die eigene Jugend“, beteuert Möller. Doch die Talente – Luis Schäfer (19), Max Beyer (20) – bekommen in der Krisensituation kaum Luft.

Die Uhr läuft. 28 Jahre Bundesliga-Geschichte hängen an einem einzigen Abend in Minden. Für Wetzlar ist es keine Frage mehr von Taktik oder System – es geht ums pure Überleben. Und wenn die Anzeigetafel am Samstag gegen 20.45 Uhr das Endergebnis zeigt, weiß jeder im Klub: Entweder ertönt der Befreiungsschlag – oder die Ampel auf dem Tabellenbild schaltet auf Rot. Dann wäre Schluss mit 1. Liga, Hallen voller Kinder, Trikots mit Bundesliga-Patch. 1998 war Schröder Kanzler. 2026 könnte Wetzler Amateurbereich heißen. Die Zeit rennt – und sie rennt gegen Wetzlar.