Hertha-bs sprengt düsseldorf mit 5 toren: der sieg, der zu spät kommt

Die Alte Dame tanzt erst, wenn niemand mehr zusieht. In der leeren Arena von Düsseldorf schoss Hertha BSC sich in einen Rausch, der die eigenen Fans lachen und weinen lässt: 5:2 beim Aufstiegskandidaten Fortuna, die beste Offensive des Jahres – und trotzdem nur ein Trostpreis.

Der knacks vor dem knall

Minute 5: Kolbe rutscht, Gästeblock verstummt. 0:1. Die Berliner Defensive wirkt wie ein Pulk Schuljungen, die den Schulhof verlassen mussten. Stefan Leitl ballt die Fäuste, aber statt Anweisungen brüllt er ins Leere. Die Mannschaft, die seit Wochen ohne Druck spielt, bekommt genau den Druck, den sie nicht braucht.

Dann passiert das Unmögliche: Hertha beginnt zu spielen, als gäbe es morgen kein Videoanalyse-Meeting. Reese wirbelt, Brekalo zaubert, Sessa spielt Pässe, die selbst der künstliche Rasen nicht kommen sah. Der Kapitän trifft doppelt, leitet das dritte Tor vor – und lächelt dabei wie ein Junge, der gerade merkt, dass die Sommerferien doch noch nicht vorbei sind.

Reeses späte rache an der realität

Reeses späte rache an der realität

„Ich habe nichts gesagt, ich habe gespielt“, murmelt Fabian Reese später in die Mikrofone. Genau das war das Problem der letzten Monate: Er redete sich in Talkrunden und Pressekonferenzen zu Tode, statt mit Fußball zu antworten. Jetzt, da die Saison gelaufen ist, wird er zum Spieler der Stunde. Ironie der Liga: Die Tore, die niemand mehr zählt, sind die schönsten.

Die Statistik lügt nicht: Seit Leitl offiziell den Aufstieg abgeschrieben hat, holte Hertha sieben Punkte aus drei Spielen. Davor nur vier aus neun. Die Mannschaft funktioniert, sobald die Lebensversicherung der Erwartung gekündigt wird. Wie eine Band, die erst dann richtig aufdreht, wenn das Publikum die Jacken holt.

Die leere nach dem knall

Die leere nach dem knall

Am Bahnhof Düsseldorf warten Berliner Anhänger auf den Zug zurück. Keiner spricht über die Relegation. Stattdessen zittern sie über ein Video, das auf Twitter viral geht: Reese’ Lupfer in Zeitlupe, Brekalos No-Look-Pass, Winklers Hammer mit links. 2,3 Millionen Aufrufe in vier Stunden. Die Kommentare schreien „Wenn nur…“. Das hören sie seit 25 Jahren.

Die Wahrheit steht auf der Tabelle: Platz 7, sieben Punkte Rückstand auf Rang 3, fünf Spiele noch. Selbst wenn Hertha alle gewinnt, muss vorne einer einbrechen. Die Wette: Keiner wird es tun. Die Mannschaft hat den Aufstieg verspielt, als sie ihn noch erreichen konnte. Jetzt, da sie ihn nicht mehr erreichen kann, spielt sie ihn nach.

Stefan Leitl packt seine Aktenmappe. „Wir haben gezeigt, dass wir’s können“, sagt er. Es klingt wie ein Abschiedsbrief an eine Liebe, die längst einen neuen Namen gelernt hat. Die Saison ist ein Roman, dessen letztes Kapitel schon geschrieben ist. Hertha liest es trotzdem laut vor – mit Tränen in den Augen und Torjubel im Hals.