Nyffeler packt aus: so weit war rapperswil wirklich vom halbfinale entfernt

Melvin Nyffeler schließt die Augen, und die Szene läuft im Kopf wieder ab: Pucksprint, Querpass, Schlagschuss – Pfosten. Statt Jubel nur das dumpfe Pochen des Gummis. Ein Zentimeter links, und die SC Rapperswil-Jona Lakers hätten den späteren Meister Zug aus dem Play-off geworfen. „Diese Art von Niederlage nagt für immer“, sagt der Goalie. „Aber sie beweist auch, dass wir mitten in der Spur sind.“

Die nacht, in der die rosenstadt für sekunden schweigt

7. Spiel, Verlängerung, 11 044 in der St. Jakob-Arena, 3 500 davon in Grün-Weiss. 87:42 Minuten auf Uhr. Nyffeler kippt nach links, weil er den Schützen aus dem Bully kennt – aber die Rückhand findet die Ritze zwischen Torpfosten und Schulterpanzer. „Ich habe das Geräusch sofort erkannt: Metall, kein Netz. Dann Stille. Nichts als Stille.“ Die Lakers liegen am Boden, doch der Schweizer Nationaltorhüter nimmt jeden Mitspieler in den Arm. „Wir haben nicht verloren, wir sind einfach nur später dran.“

Später dran – das klingt nach PR-Phrase, ist aber Programm. Denn wer die Zahlen öffnet, erkennt: Rapperswil war das einzige Team, das Zug in Serie über 60 Minuten dominierte. Corsi-Wert 54 %, erwartete Tore 3,1 zu 2,4. „Wir haben den Meister gezeichnet“, sagt Sportchef Janick Steinmann. „Und das mit einem Budget, das gerade einmal halb so gross ist wie das des EVZ.“

Vom abstiegskandidaten zum angstgegner – die geheime waffe heisst glauben

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Wer die Saison verfolgte, erlebte eine Mannschaft, die erst im Dezember den Klassenerhalt sicherte und dann in den Play-ins Genf auslöschte. Was passierte? Coach Colin Muller stellte die Viererkette um, setzte Nyffeler auf 55 Spiele durch und installierte ein 1-1-3-System, das Gegner ins Mitteldrittel lockt, um sie dort mit schnellen Gegenstössen zu überrollen. „Wir haben gelernt, dass Risiko kein Zufall ist, sondern eine Frage der Übereinkunft“, so Muller.

Der Glaube manifestierte sich in Zahlen: 23 Siege nach Rückstand, 9 Shutouts nach dem 1. Januar. „Wir wussten, dass wir nie ausrechenbar sind“, sagt Nyffeler. „Das macht uns für nächstes Jahr gefährlich.“

Das team, das kein agent zusammenkaufen konnte

Das team, das kein agent zusammenkaufen konnte

Statt Stars setzt Rapperswil auf Charakter. Verteidiger Nico Gross verdiente in der Farm der New York Rangers, stürzte sich auf die neue Rolle als Shutdown-Defender. Flügel Dominic Buchli kam aus dem zweiten Liga-Club Basel und erzielte sieben Play-off-Tore. „Wir haben keine Superstars, wir haben Arbeiter“, sagt Kapitän Ramon Untersander. „Und das ist unser Luxus.“

Die Chemie entstand auf einer Reise, die niemand plante: Wegen eines Flugausfalls verbrachte die Mannschaft 18 Stunden im Bus nach Riga. Statt Meckern: Kartenspiele, TikTok-Videos, ein spontaneous Karaoke-Wettbewerb. „Seit diesem Trip wissen wir: Wir können in einem Container sitzen und trotzdem lachen“, erzählt Nyffeler. „Das ist unser Kapital.“

Nyffelers fazit: „der pokt steht noch, aber die basis ist gegossen“

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Die Eisfläche ist mittlerweile Asphalt, die Sticks verstatum, doch im Kopf der Lakers läuft ein Film auf Endlosschleife. „Wir haben gezeigt, dass Spitzenhockey nicht vom Geld abhängt, sondern vom Mut, das Unmögliche zu glauben“, sagt Nyffeler. Er spricht nicht von „nächstem Jahr“, sondern von „Phase zwei“. Geplant ist ein neues Fitnesskonzept, ein zweiter Goalie auf Schweizer Niveau und ein Nachwuchszentrum, das Talente aus der Region bindet.

Und die Silbe, die ihm am meisten unter den Fingernägeln sitzt? „Fast.“ Er lacht kurz, dann kommt der Biss zurück. „‚Fast‘ ist kein Trost, sondern ein Kompass. Und der zeigt nach oben.“

Die Lakers sind nicht mehr der Underdog, dem man gern ein Play-off-Plätzchen schenkt. Sie sind der Klub, der den Meister an die Wand spielte – und nun selbst die Farbe bestimmt. Die Saison endete mit Herzschmerz, doch sie begann eine Ära. In Rapperswil weiss man: Der Zug ist abgefahren, aber der nächste hält bereits auf Gleis 1.