Gattusos vater packt aus: „rino ist purer rasen, das land liebt ihn dafür“
Ein Zwischenstopp, vielleicht zwei. Dann der weiße Platz von Zenica, wo sich Italien gegen Bosnieren durchbeißen muss, um die letzte Fahrkarte nach Amerika zu lösen. Franco Gattuso sitzt bereits im Flieger. Er trägt die gleiche Nervosität im Gepäck wie damals in Berlin, nur dass das Trikot diesmal an seinem Sohn klebt und nicht mehr an ihm.
Der 75-Jährige redet nicht lange ums heiße Brett herum. „Rino ist Leidenschaft, ehrliche, kochende Leidenschaft. Und genau deshalb glauben ihm die Leute.“ Die Figur des Rino Gattuso als Coach der Azzurri ist längst keine Episode mehr, sondern ein Kapitel, das Italiens Fußballseele wieder auf Trab bringt. Seit zwölf Jahren wartet das Land auf dieses Gefühl, dass der Trainer nicht nur taktisch, sondern auch emotional mitspielt.
Die kraft kommt aus calabrien
Franco erzählt, wie sein Sohn vor Jahren in die Küche trat und verkündete, dass er „einen Stil“ wolle. „Kein Zirkus, keine Twitter-Sprüche. Er wollte, dass die Spieler ihm in die Augen schauen und sofort wissen: Der Mann meint es ernst.“ Diese Glaubwürdigkeit, sagt der Vater, sei kein Marketing-Trick, sondern Erbe. „Wir Kalabreser vergessen nie, wo wir herkommen. Vergiss das, und du verlierst den Weg.“
Die Zahlen sprechen für sich: unter Gattuso holte Italien in den letzten fünf Länderspielen vier Siege, kassierte nur ein Gegentor. Doch die Statistik interessiert Franco weniger als die Bilder. „In Bergamo stand er an der Seitenlinie, die Hände in den Hüften, und die Kurve schrie ›Rino, Rino‹. Das war kein Chor, das war ein Versprechen.“
Er selbst wird in Zenica nicht auf der Ehrentribüne sitzen, sondern zwischen gewöhnlichen Fans, dicht am Spielfeldrand. „Ich brauche den Geruch von Rasen, nicht von VIP-Buffet“, lacht er. Mit dabei: ein Freund aus Kindertagen, mittlerweile Spielervermittler, der genau weiß, wie oft Rino als Knirps nach Training noch Zigarettenautomaten umschubste, weil er vergessen hatte, Münzen einzustecken.

2006 War groß, 2025 könnte größer werden
Franco war damals den kompletten WM-Juli in Deutschland, schlief im Wohnmobil, kochte Nudeln auf dem Campingplatz. „Aber diese Spannung jetzt, das ist härter. Als Spieler kannst du selbst reagieren. Als Trainer schaust du nur noch zu und hoffst, dass deine DNA im Team steckt.“
Die DNA ist ein Gemisch aus Kampf und Kalkül. Gattuso lässt die Mannschaft morgens Video-Schnipsel von Catenaccio-Oldies schauen, mittags trainiert sie mit GPS-Westen, abends bekommt jeder Spieler ein handgeschriebenes Zettelchen unter der Tür: „Du bist nicht 11, du bist Italien.“ Psychologie in Reimform.
Wenn er die Augen schließt, sieht Franco das Bild von Bergamo vor sich: 92. Minute, Flanke von Chiesa, Kopfball von Retegui, Auswärtstor, das den Playoff-Kurs ebnete. „Danach habe ich meinem Sohn nicht gratuliert. Ich habe nur gesagt: ›Weiter so, aber denk an Calabrien.‹ Er hat gelacht und mir die Handy-Kamera vor die Nase gehalten. Ich schreie noch heute, wenn ich das Video sehe.“
Die Reise nach Zenica wird an diesem Donnerstagabend starten, mit dem Nachtflug von Lamezia nach Wien, dann Sarajevo, dann Auto über die staubige M-17. „Wenn wir gewinnen, fahre ich direkt weiter nach Rom. Wenn nicht, bleibe ich in Bosnien sitzen und trinke Rakija mit den Verlierern. So war es schon immer in unserer Familie: Sieg oder Selbstreflexion, aber nie Heulen.“
Franco Gattuso wird 76 Jahre alt, wenn die nächste WM in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet. Er schließt das Gespräch mit einem Satz, der klingt wie ein Feldpostbrief an ein ganzes Land: „Wenn Rino uns nach Amerika führt, nehme ich den Rasen von Zenica mit im Koffer. Ein Stückchen Heimat für ein Stückchen Zukunft.“ Italien wartet. Und Vater Franco fliegt vor.
