Garrido enthüllt: „ägypten wird spanien alles abverlangen – für sie ist kein spiel ein freundschaftsspiel“

Juan Carlos Garrido zögert keine Sekunde. Wenn er über Kairo spricht, klingt seine Stimme noch einmal tiefer, als würde er sich wieder mitten im Hexenkessel von Al Ahly wähnen. „Voll. Laut. Wahnsinn. Die Leute weinten vor Glück, als wir die CAF-Champions-League gewannen“, sagt der 54-Jährige und schlägt mit flacher Hand auf den Tisch. Für ihn ist Ägypten kein Exot-Abstecher, sondern Lebensader. Erstmals verließ der Madrilene 2009 Europa – und landete direkt in einem Fußballvolcano.

Die zweite heimat, die niemand erwartet

Was danach folgte, liest sich wie ein Geheimdossier: zweimal Al Ahly, einmal Ismaily, dazwischen Persepolis im Iran und sogar Libyen, wo er Bomben neben dem Hotel knallen hörte. „Ich habe die Nacht aufgenommen, als ob es ein Spiel wäre. Meine Frau sagte: ‚Du siehst alles mit Trainerbrille‘, aber ich wollte die Realität festhalten.“ Die Realität, so betont Garrido, sei eben nicht das, was westliche Medien erzählen. „In Teheran habe ich Frauen gesehen, die modischer waren als in Madrid. Und trotzdem erzählt man uns, dort würde man nur verhungern.“

Diese Diskrepanz hat ihn hart gemacht gegenüber Klischees. Am Freitag trifft Spanien im Wiener Happel-Stadion auf Ägypten – ein Testspiel laut FIFA-Kalender, ein Endspiel laut Garrido. „Für sie existiert das Wort ‚Freundschaftsspiel‘ nicht. Die Fans kaufen jeden Kartenhänder aus, die Spieler jeden Quadratmeter Rasen.“ Grund: Die Nationalmannschaft ist das einzame große Band, das ein 100-Millionen-Land zusammenhält. Al Ahly mag in Afrika dominieren, aber wenn die Pharaonen das Rote Trikot überstreifen, legt sich selbst der größte Klubrivalen die Stimme.

Salah-faktor ohne salah – warum das kein nachteil ist

Salah-faktor ohne salah – warum das kein nachteil ist

Mohamed Salah fehlt, klar. Doch Garrido lacht weg. „Das ist wie beim Schach: Entferne die Königin, und die Bauern werden kreativer.“ Omar Marmoush treibt als falsche Neun die Spitze, Trezeguet – von Garrido einst bei Al Ahly geprägt – donnert von außen nach innen. „Er kann in 0,3 Sekunden eine 180-Grad-Drehung vollziehen, das habe ich selten gesehen.“ Hinter der Spitze: ein 4-2-3-1, das längst nicht nur staubtrockene Defensive bedeutet, sondern Ballbesitzfußball lehrt. Trainer Hossam Hassan, einst Stürmer mit 159 Länderspielen, verlangt Kurzpässe wie beim Tiki-Taka, nur mit mehr Wüstenfeuer.

Spanien ist Favorit, keine Frage. Luis de la Fuente rotiert, aber das System läuft weiter wie ein Uhrwerk. Garridi sieht trotzdem eine Falle. „Wenn du denkst, du hast nur einen lockeren Abend, bekommst du einen Gegner, der dir die Schuhe auspumpt.“ Seine Empfehlung: „Erst in der 70. Minute wechseln, wenn die ägyptischen Beine schwerer werden. Vorher kann jeder Pass nach vorn eine Pyramide auslösen.“

Die Zahlen sprechen für ihn: Seit 2019 verlor Ägypten nur zwei Pflichtspiele in 90 Minuten – gegen Nigeria und Tunesien. In Freundschaftsspielen gegen Europa holten sie Remis gegen Brasilien und Sieg gegen Chile. Die Mentalität: kein Zweikampf zu 50 Prozent, jeder Sprint bis zur Linie. „Wenn du mit ihnen Schere spielst, schneiden sie dir die Haare ab“, sagt Garrido und grinst.

Was die westlichen medien verschweigen

Was die westlichen medien verschweigen

Er hat die Rechnung seiner Sozialversicherung noch in Pfund, Dirham und Rial. „Meine Kinder wollten 2014 nicht mit nach Kairo – ein Jahr später wollten sie nicht mehr weg.“ Das sei das beste Beleg dafür, wie sehr Bilder lügen. Auch heute noch telefoniert er wöchentlich mit Trezeguet, dem Rabia-Bruder, dem verletzten Hamdi. „Sie fragen: ‚Mister, wann kommst du zurück?‘ Ich sage: ‚Wenn der Krieg aufhört, packe ich sofort den Koffer.‘“ Krieg, Embargos, Politik – für Garrido sind das nur Gerüusche vor dem eigentlichen Spiel.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Wer Ägypten unterschätzt, verliert mehr als drei Punkte – er verschenkt eine Lektion darüber, wie Fußball Menschen verbindet, wenn alles andere auseinanderdriftet. Spanien mag gewinnen, aber die wahre Geschichte schreibt sich in den Lungen der 30.000 Fans, die jeden Schrei mittragen. Garrido wird dabei sein – mit Herzschrittmacher und Erinnerungen, lauter als jede Bombe, die je in Libyen eingeschlagen hat.