Forster verpasst slalom-gold und stellt karriere in frage
Anna-Lena Forster weint nicht nur, sie kippt. Nach 1:27,69 Minuten und 0,43 Sekunden Rückstand auf die neue Slalom-Königin Wenjing Zhang bleibt der 30-Jährigen aus Radolfzell nur der undankbare vierte Rang – in ihrer einst unantastbaren Paradedisziplin. Die Folge: Die dreifache Gold-Gewinnerin von 2018 und 2022 verweigert sich jeder Prognose für 2030. „Ich weiß nicht, was das für die Zukunft heißt“, sagt sie mit brechender Stimme. Die Paralympics verlieren damit eine Ikone.
Ein fehler, acht hundertstel, ein loch im regal
Der erste Lauf war verloren, bevor er begann. Forster „verschläft“ die oberhalb von Cortina verbaute Flachpassage, verliert 1,58 Sekunden auf die Zwischenführende Audrey Pascual Seco. Im Finale jagt sie, rutscht im gleichen Flachstück weg, kann die Lücke nicht mehr schließen. Bronze fehlen acht Hundertstel – so wenig, wie ein Ski in der Drehung nachgibt. Die Spanierin sichert sich mit Bronze ihre vierte Medaille in dieser Woche, Forster bleibt außen vor.
Dabei hatte der Kurs „Olympia delle Tofane“ ihr eigentlich liegen müssen: Steil, technisch, ohne lästige Traverse. Doch Präzision ist Vertrauenssache. Wer zweimal zögert, verliert. Marcel Seufert kommentiert im WDR live mit jener Stimme, die schon 2018 ihre Siege begleitete – diesmal endet sein Satz in einem leisen „Ach, Anna-Lena.“

Gold-zhang, silber-kiviranta und ein offenes ende
Die Chinesin Wenjing Zhang krönt sich mit 1:27,69 Minuten zur Shooting-Star der Spiele, die Finnin Nette Kiviranta währt als ewige Zweite, 0,27 Sekunden dahinter. Für Forster bleibt Rang vier – ihre erste Slalom-Platzierung außerhalb des Podests seit dem Weltcup von St. Moritz 2019. Die Statistik wird zur Wunde: zwölf Medaillen bei Winterspielen, sechsmal Gold, kein Hauch von Ermüdung, aber ein Hauch von Zweifel.
Die Konsequenz: Sie will „erst mal heim“. Sprachlosigkeit statt Sofort-Analyse. Ihr Blick schweift ins Leere der Mixed-Zone, wo sie sonst lachend Autogramme gibt. „Dann schauen wir mal weiter“, sagt sie und meint nicht nur die Saison, sondern die gesamte Karriere. Weltmeisterschaft 2027 in ihrem Kalender gilt noch als „gesetzt“, die Reise nach Megève 2030 bleibt offen.

Deutsches team verliert anführerin, sport verliert ein stück magie
Mit Forsters Ausscheiden aus dem engsten Medaillenkreis verliert auch das deutsche Team eine Identifikationsfigur. Die 1,12 Meter große Athletin war es, die nach dem Riesenslalom-Gold noch im Ziel strahlend sagte: „Ich kann alles.“ Nun steht sie vor der Kamera, das Gesicht vom Schnee gerötet, die Stimme ein Flüstern. „Medaillen sind keine Selbstverständlichkeit.“ Die Botschaft trifft mitten in eine Gesellschaft, die Paralympics-Siege längst als Routine betrachtet.
Die Zahlen sprechen trotzdem: In 19 Slaloms seit 2020 nur eine Niederlage – diese. Die Sportart selbst aber braucht Forster, ihre Präsenz, ihre Lautstärke, ihre Fähigkeit, mit einem Lachen selbst bitterste Niederlagen zu relativieren. Ohne sie droht dem Para-Ski-Alpin ein Stück Sichtbarkeit zu entgleiten.
Die Tage in Cortina enden mit einem Paukenschlag, nicht mit einem Fest. Forster wird die Nacht über ihre Ski stellen, den Blick auf die Sterne richten, die über der Lagazuoi leuchten. Irgendwann wird sie entscheiden. Bis dahin bleibt die Frage: Wer füllt das Vakuum, das eine 30-Jährige hinterlässt, die den Slalom dominierte wie keine andere? Die Antwort schuldigt sich die Zukunft – und die beginnt, sobald der Schnee im Mai schmilzt.
