Fischer stoppt den sturz: mainz zittert nicht mehr, aber er darf noch nicht feiern

0:1 in Bremen, 3:1 gegen Olympiakos, 2:1 gegen Frankfurt – binnen sieben Tagen hat Urs Fischer den FSV Mainz 05 aus dem freien Fall in die 2. Bundesliga zurück auf die sichere Bank katapultiert. Die Mannschaft liegt nun sechs Punkte vor dem Strich, doch der Trainer bremst die Euphorie mit einem Satz: „Geschafft ist aus meiner Sicht noch gar nichts.“

Nebelschwaden statt feierabendbier

Die Kabine dampfte nach dem Schlusspfiff im Mewa Arena. Paul Nebel hatte gerade mit seinem zweiten Treffer (89.) den Siegtreffer gegen die Europa-League-Hoffnung Eintracht Frankfurt erzielt. Die Fans sangen, die Spieler fielen sich in die Arme. Fischer stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, als hätte er gerade eine Rechnung geschrieben, keine Geschichte. „Wenn es rechnerisch durch ist, können wir feiern“, sagte er und klang dabei wie ein Lehrer, der den Klassenausflug verschiebt, weil die Busreise noch nicht bezahlt ist.

Die Zahlen sprechen trotzdem für sich: Neun Punkte aus drei Spielen, erstmals seit November 2022 wieder drei Siege in Folge, und das gegen Gegner, die entweder oben mitmischen (Frankfurt) oder in der Konferenzliga Mainz schon aus dem Pokal geworfen hätten (Olympiakos). Die TSG Hoffenheim wartet nach der Länderspielpause, dann folgt das Viertelfinal-Duell mit Racing Straßburg am 9. und 16. April. Dort könnte der Club erstmals seit 14 Jahren wieder ein europäisches Halbfinale erreichen – oder die Kraft verspielen, die er für den Abstiegskampf braucht.

Der doppelpacker, der kein star sein will

Der doppelpacker, der kein star sein will

Paul Nebel ist 21, Pfälzer, 1,78 Meter klein, und er trägt das Gesicht eines Nachhilfelehrers. Gegen Frankfurt schoss er das 1:0 nach sechs Minuten, erzielte das 2:1 in der Nachspielzeit. Dennoch spricht er nach dem Spiel lieber über die „defensive Arbeit der gesamten Mannschaft“ als über sich. Fischer lobt ihn als „Kopf und Körper der Woche“, doch Nebel verlässt das Mixed-Zone-Mikrofon, als hätte er nur seine Hausaufgaben abgeliefert. Diese Bescheidenheit ist kein Marketing-Trick, sie ist Teil des neuen Mainzer Selbstverständnisses: Kein Einzelner ist größer als die Notwendigkeit, gemeinsam den Strich zu überspringen.

Die Statistik dahinter: Mainz erlaubte Frankfurt nur zwei Torschüsse aus dem Strafraum, gewann 58 Prozent der Zweikämpfe und lauerte nach Ballverlust sofort im Gegenpressing. Das ist keine Tugend, das ist Überlebensstrategie. Die Tabelle belohnt sie vorerst mit Rang 14, dem höchsten seit Spieltag 8.

Die angst vor dem falschen atemzug

Die angst vor dem falschen atemzug

Fischer weiß, wie schnell sich eine Saison drehen kann. Vor einem Jahr stand Mainz nach 25 Spielen auf Platz 8, dann folgten sieben Niederlagen in Serie und der Absturz auf Platz 16. Deshalb trainierte die Mannschaft am Montagmorgen, nur zwölf Stunden nach dem Frankfurter Sieg, bereits wieder auf dem Platz. „Ein bisschen durchatmen“ bedeutet im Fischer-Deutsch: „Nie wieder Atemluft verschenken.“

Die Fans singen inzwischen „Wir sind wieder wer“, doch der Trainer hört nur das nächste Stichwort: Hoffenheim. Die TSG hat unter Pellegrino Matarazzo ebenfalls sieben Punkte aus den letzten drei Spielen geholt. Es wird ein Spiel der gegenseitigen Respektlosigkeit. Wer dort verliert, rutscht wieder in die rote Zone. Wer gewinnt, darf vielleicht doch kurz an Straßburg denken.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Mainz hat den Sturz gestoppt, aber noch nicht überlebt. Die Saison ist ein Marathon, der gerade in die Steigung geht. Fischer wird weiter die Karten berechnen, Nebel weiter seine Tore schießen und die Fans weiter singen – bis die Rechnung stimmt und die Musik lauter wird als die Angst. Bis dahin gilt: Kein Feierabendbier, nur Nebelschwaden. Und ein Satz, der wie ein Mantra klingt: „Erst wenn’s rechnerisch sicher ist, holen wir die Kiste Sekt raus.“