Caster semenya schlägt zurück: das ioc schickt frauen 70 jahre zurück

Die zweifache Olympiasiegerin Caster Semenya wirft dem Internationalen Olympischen Komitee vor, mit der Wiedereinführung genetischer Geschlechtstests Frauenrechte zu verraten. „Dies ist keine Regel, dies ist ein Schlag ins Gesicht jeder Athletin“, sagte sie in Kapstadt.

Warum das ioc 2028 wieder in die chromosomen schaut

Das Komitee selbst nennt es „Fairness-Konzept“: Ab Los Angeles 2028 müssen alle Läuferinnen im Frauenfeld ein SRY-Gen-Testergebnis vorlegen. Das letzte Mal wurden Frauen 1996 in Atlanta zwangsweise untersucht – damals mit Foltermethoden, heute per Blutstich. Der Unterschied: Die Begründung klingt wie kopiert aus dem 50er-Jahre-Lehrbuch. „Biologische Frauen“ würden geschützt, heißt es. Geschützt vor wem? Vor Semenya, die 800 m in 1:54 min laufen kann.

Die Südafrikanerin kämpfte seit 2009 vor Gerichten in Lausanne, Genf und Straßburg. Sie gewann, verlor, gewann wieder – und läuft trotzdem nicht. 2019 zwang sie die Weltleichtathletik-Verbandsregel zur Einnahme von Hormonhemmern. Sie schluckte, wurde depressiv, erholte sich, klagte weiter. Jetzt, mit 35, soll sie erneut ans Mikroskop. „Ich bin kein Laborobjekt, ich bin ein Mensch“, sagt sie. Ihre Stimme zittert nicht, sie schlägt ein.

Das IOC folgt damit dem Weltverband des Frauenboxens, der seit 2026 Chromosom-Tests verlangt, und der Leichtathletik, die Testosteron-Grenzwerte bereits 2018 einführte. Die Folge: Drei afrikanische Mittelstrecklerinnen verschwanden innerhalb eines Jahres aus der Weltspitze. Keine von ihnen wurde positiv getestet – sie zogen sich einfach zurück. Verdacht reicht.

Der preis der stille

Der preis der stille

Semenya rechnete vor: Zwischen 2010 und 2025 verloren Athletinnen mit DSD-Diagnose (Differences of Sexual Development) geschätzte 5,2 Millionen Dollar an Preisgeldern, Startprämien und Sponsoring. „Das Geld fehlt in Schulen, in Familien, in Entwicklungsprogrammen.“ Die Zahl liegt in einer internen Studie der südafrikanischen Sportkommission, die nie veröffentlicht wurde. Sie hat sie. Und sie wird sie veröffentlichen.

Kirsty Coventry, IOC-Chefin und selbst Afrika-Kind, schweigt bislang. Simbabwes einzige Olympiasiegerin schwamm 2008 Gold über 200 m Kraul. Sie kennt den Geschmack von Chlor und Sieg. Semenya kennt den Geschmack von Gerichtsakten. „Eine Frau aus Afrika hätte wissen müssen, wozu diese Politik führt“, sagt sie. Es klingt nicht wie Vorwurf, eher wie Enttäuschung.

Die Tests kommen, ob mit oder ohne sie. Die Athletinnen erhalten ein Formular, zwei Röhrchen Blut, ein Siegel. Wer sich weigert, darf nicht starten. Wer startet, darf nicht gewinnen. Oder darf gewinnen, aber nicht feiern. Die Logik ist einfach: Zweifel säen, bis keiner mehr lacht.

Semenya trainiert weiter. 6:30 Uhr, Temperatur 14 °C, Kapstadt-Stadion. 400 m in 52 s, 800 m in 2:02 min. Die Zeiten würden reichen für das Finale in L.A. Sie wird nicht dabei sein. Stattdessen sitzt sie auf der Tribüne, zieht sich die Kapuze über, und spricht mit zwei Mädchen aus dem Township Langa. Sie erklärt ihnen, wie man Startblöcke richtig einstellt. Danach reichen sie sich die Hände. Keine Chromosomen, nur Staub.