Allendorf zündet den turbo: wetzlar stemmt sich mit dreierpack gegen den abstieg

Michael Allendorf trat vor fünf Wochen in eine vermeintliche Ruine ein – und fand eine Handball-Werkstatt mit laufendem Motor. Die HSG Wetzlar kratzt am Tabellenende, doch der neue sportliche Geschäftsführer schreitet durch die Halle wie ein Mann, der das Spiel schon gesehen hat.

»Die Situation ist prekär, die Stimmung top«, sagt er und klingt dabei nicht wie ein Manager, sondern wie ein Kapitan, der sein Schiff durch die Flaute manövriert. Nach dem 30:27 in Minden hat er Recht. Rückstand mit fünf Toren, dann doch noch Sieg – das ist kein Zufall, sondern ein Statement.

Zweigleisig, aber nicht zerrissen

Allendorf arbeitet parallel an Plan A und Plan B, 1. Liga und 2. Liga. Keine Schizophrenie, sondern Profilack. »Wir sind ein etablierter Erstligist«, betont er und meint damit, dass die Struktur stimmt, selbst wenn die Punkte fehlen. Die Personalplanung für 2025/26 läuft, Verträge werden verlängert, Scoutings gesichtet. Wer so früh an morgen denkt, glaubt eben heute noch an sich.

Die Zahlen erzählen eine andere Sprache: zehn Punkte, Platz 17, neun Spiele Restprogramm. Doch dahinter lauert der Bergische HC und GWD Minden mit je 12:38 Punkten. Ein Sieg, und die Lücke schrumpft auf zwei Zähler. Der Abstiegskampf ist ein Mikroskop-Duell.

Einzelgespräche statt rundumschlag

Einzelgespräche statt rundumschlag

Allendorf hat kein Team-Meeting abgehalten, sondern 20 Einzelgespräche geführt. »Ich wollte wissen, was sie beschäftigt, nicht nur wie sie werfen«, sagt er. Das klingt nach Psychologie, ist aber Taktik. Wer sich gehort fühlt, rennt mehr. Die Rückkehr nach Minden war Beweis: 14:19 zur Pause, 30:27 am Ende – mehr Herz als Handball-Lehrbuch.

Die nächsten Wochen sind ein Minenfeld: bei den Rhein-Neckar Löwen, dann Stuttgart vor Ostern, danach der Bergische HC. Drei Endspiele im April. Allendorf lacht nicht, aber er grinst: »Der Druck ist da, wir tragen ihn wie ein Trikot.«

Am Saisonende will er mindestens Rang 16 erreichen. Kein Traumziel, sondern ein Notausgang. Die HSG besitzt die Lizenz, die Halle, den Nachwuchs. Was sie braucht, sind 18 Punkte aus neun Spielen. Die Rechnung ist simpel, der Weg steinig.

Allendorf ist 39, spricht schnell, denkt schneller. Er weiß, dass Sport kein Baukasten ist. Aber er hat schon die ersten Mosaiksteine gesetzt. Wenn sie halten, steht Wetzlar nächste Saison noch in der 1. Liga. Wenn nicht, hat er trotzdem eine Mannschaft gebaut, die weiß, wie man aus fünf Toren Rückstand zurückkommt. Das ist kein Trost – das ist DNA.