Silas bricht sich das schienbein – mainz' conference-league-traum wird zur nebenrolle
Ein Schrei, dann Stille. In der 64. Minute verstummt selbst das tschechische Trommelrohr, als Silas Katompa Mvumpa ohne Gegnereinwirkung zusammenbricht. Die TV-Kamera zoomt auf sein linkes Bein – der Schienbeinkopf steht in einem unmöglichen Winkel. Mainz spielt 0:0 in Olmütz, doch das Ergebnis ist von Sekunde zu Sekunde bedeutungsloser.
Die nacht, in der der fußball zweitrangig wurde
Bo Henriksen hatte vor dem Spiel noch von „Kopf und Herz“ gesprochen, von dem Moment, „wenn man in die Röhre schaut und Europa sieht“. Dann blickt sein Stürmer in die Röhre und sieht nur noch weißes Licht. Silas, erst vor Wochen wieder genesen von einer Knie-Operation, bleibt liegen, presst die Hände vors Gesicht. Die Mainzer Ärztin sprintet mit der Schiene, zwei Kollegen helfen, den 26-Jährigen auf die Trage zu heben. Im Block der 1.500 mitgereisten Fans halten sich plötzlich 1.500 Hälse.
Was bleibt, ist ein Punkt, der wie Nichts schmeckt. Denn bis dahin war die Partie schon ein Spiegelbild des Mainzer Herbstes: viel Mühe, wenig Klarheit. Silas’ Abseitstor in der 24. Minute – korrekt annulliert – war die einzige Szene, die für mehr als drei Sekunden Jubel sorgte. Die restlichen 89 Minuten plus Nachschlag liefen vor allem eins: holprig.
100 Meter hotel-arena – mit dem bus, weil die uefa es so will
Schon vor Anpfiff sorgte die UEFA dafür, dass sich jeder Spieler fragte, ob er noch in der Realität lebt. Das Teamhotel liegt 97 Meter Luftlinie vom Andruv-Stadion entfernt – trotzdem kutschiert ein polizeibegleiteter Bus die Profis im Zickzack durch Olmütz. „Sicherheitsvorschrift“, sagt ein Stadionmitarbeiter und zuckt mit den Schultern. Die Mainzer lachen nicht, sie sind es leid, dass ihnen außerhalb des Platzes ständig jemand die Richtung vorgibt.
Auf dem Rasen wiederholte sich das Schema: Sigma presste früh, Mainz fand keine Lücke. Lee Jae-sung versenkte einen Querpass in den Lauf von Onisiwo – zu steil. Gruda zog dribbelnd halblinks, scheiterte an drei Hintermann-Beinen. Und selbst als Caci nach einer Stunde endlich mal frei durchkam, schoss er genau auf den herauseilenden Branec. Die Null vorne bleibt, weil hinten dank Barreiro und Kohr jeder zweite Ball abgefangen wird. Ein 0:0, das irgendwie nach 0:3 aussieht, wenn man die Chancenverwertung betrachtet.
1500 Tickets, die die uefa nicht sehen will
Bevor der Schiri die erste Halbzeit beendet, passierte etwas, das die Europäische Fußball-Union lieber unter den Tisch kehrt. Sigma-Olmütz-Vertreter schlichen sich an den Mainzer Fan-Point, verteilten Armbänder – und verkauften Karten, die eigentlich gar nicht existieren dürfen. Die Quote: fünf Prozent für Gäste. Am Ende sind es fast 30 Prozent. Die Tschechen nennen es „Geste der Freundschaft“, die UEFA nennt es „nicht kommentierbar“. Die 1.500 Mainzer singen „Wir sind das Mainzer Herz“ – und meinen es so laut, dass selbst der Mann mit der Kniescheibe im Olmützer Oberrang mitsingt.
Doch nach Silas’ Sturz ist kein Lied mehr zu hören. Die Spieler taumeln in die Kabine, Henriksen verlässt die Bank mit leerem Blick. Die Ärzte bestätigen später, was jeder befürchtet hat: offene Schienbeinfraktur, sofortige Operation in Mainz, Saisonende. „Er hat gefragt, ob wir weiterkommen“, sagt Kapitän Widmer. „Wir haben Ja gesagt. Mehr konnten wir nicht tun.“
Retourspiel ohne hoffnungsträger – und mit einem warum
Am 14. März steht die Revanche im Mewa-Forum an. Silas wird auf der Tribüne sitzen, das Bein in Gips, vielleicht ein Schienbein-Korsett als Mahnmal. Für Mainz bleibt die Frage, wer die Lücke füllt: Onisiwo, der schon sieben Spiele ohne Treffer wartet? Ajorque, der erst seit Januar dabei ist? Oder doch ein Systemwechsel, 4-4-2 statt 4-2-3-1, mit Gruda als falsche Neun?
Die Antwort liegt irgendwo zwischen dem Punkt in Olmütz und dem Schrei eines Stürmers, der gerade wieder angekommen war. Mainz darf weiter vom Viertelfinale träumen – doch der Traum hat jetzt einen blutigen Fleck. Und der erinnert daran, dass Fußball manchmal nur ein Spiel ist, bis das Schienbein knackt.
