Sal da vinci nach sanremo-sieg: 'conte ist ein krieger, caruso bleibt in meinem herzen'

Mailand, 3. März – Ein Tag nachdem er das Ariston erobert hat, redet Sal Da Vinci nicht über Melodien, sondern über Muskeln, Sehnen und eine zerbrechliche Kniebandscheibe namens Ciro Caruso. Der Neapolitaner-Sieger von Sanremo spricht mit der Gazzetta dello Sport, und schon nach drei Sätzen ist klar: Dieses Interview ist kein Promo-Gespräch, es ist ein Liebesbrief an den SSC Napoli – geschrieben mit dem Stift eines Fans, der weiß, wie sehr Fußball weh tun kann.

Conte? ein general ohne bataillon

„Antonio hat im ersten Jahr großartig gearbeitet, und in dieser Saison vollbringt er ein Wunder“, sagt Da Vinci. Dabei klingt seine Stimme nicht wie die eines Schlaflied-Sängers, sondern wie die eines Analysten, der weiß, was es bedeutet, wenn Osimhen, Politano und Anguissa gleichzeitig in der Reha liegen. „Wer soll den Rhythmus halten, wenn dir jede Woche ein Bein abgebrochen wird?“ Die Frage stellt er rhetorisch, aber die Antwort steht schon in seinem Blick: niemand. Conte sei „ein Krieger“, doch selbst Krieger bräuchten Schwerter – und die lägen derzeit im Medizin-Zentrum von Castel Volturno.

Die erste begegnung mit dem san paolo war ein schlag ins gesicht

Die erste begegnung mit dem san paolo war ein schlag ins gesicht

1975, er sieben Jahre alt, Vater Mario kauft zwei Curva-Tickets. „Ich weiß nur noch, dass ich taumelte, als wäre die Welt plötzlich nur noch azurblau und laut.“ Was genau damals auf dem Platz passierte, hat er verdrängt. Was danach geschah, nicht: Die Stadt verwandelte sich in eine einzige Karaoke-Bühne, und jeder zweite Nachbar brüllte „O Surdato ‘nnammurato“. Das war kein Sieg, das war eine Kollektiv-Transfusion. Später, 1987, stand er auf dem Lungomare, als Maradona den Scudetto einlöste. „Die Leute haben ihre Küchenutensilien mitgebracht und geschlagen, als wäre das Coppa ein Tamtam.“

Ciro caruso: das talent mit den glasscheiben-knien

Ciro caruso: das talent mit den glasscheiben-knien

Wenn Da Vinci einen Helifik-Modus hat, dann spricht er über Ciro Caruso. „Er ging aufs Feld, als hätte er keine Menisken – und war trotzdem zwei Sekunden schneller im Kopf als alle anderen.“ Caruso, 1993 bis 2002 in Neapel, wurde nie Nationalspieler, weil die Gelenke sich weigerten. „Stell dir vor, Brahms hätte nur mit zerbrochenen Fingern komponieren dürfen – das war Ciro.“ Die beiden telefonieren noch heute. Caruso betreibt eine Pizzeria in Torre del Greco; Da Vinci liefert die Hymne, mit der er in Sanremo abräumte. „Per sempre sì“ heißt das Stück – ein Schwur auf Dauerhaftigkeit. Passt, findet Da Vinci, denn Caruso steht noch immer, obwohl seine Knie längst Geschichte sind.

Spalletti, das restaurant und der song im nacken

Spalletti, das restaurant und der song im nacken

Kurz nach dem dritten Scudetto 2023 sitzt Da Vinci im „Palazzo Petrucci“ an der Via Chiaia. Plötzlich summt jemand hinter ihm „‘O sole mio“. Er dreht sich um – Luciano Spalletti. „Er kannte jede Zeile, aber er hat sie mit meiner Stimme gesungen“, lacht Da Vinci. Kein Selfie, kein Autogramm, nur zwei Männer, die wissen, dass man Titel nicht erzwingt, sondern sich ihnen manchmal einfach stellt – wie zwei Blinde, die sich auf der Piazza treffen und trotzdem wissen, dass sie dieselbe Farbe sehen.

Warum „per sempre sì“ gewann? weil neapel seit 40 jahren dieselbe frage stellt

„Die Leute wollen keine Antwort mehr, sie wollen eine Bestätigung“, sagt Da Vinci. „Bestätigung, dass Treue nicht lächerlich ist, dass man auch mit zerschlissenen Knien lieben darf.“ Der Song habe keine Drop-Beats, keine TikTok-Challenge, nur ein Crescendo, das an die 87. Minute erinnert, wenn der Gegner auf 1:1 stellt und der Stadio trotzdem glaubt. 15 Millionen Streams in 48 Stunden – die Statistik ist nebensächlich, wichtiger ist die WhatsApp-Voice seines Neffen aus Barra: „Zio, die haben meine Alba-Trikots angezogen und dein Lied gesungen, als wäre es die neue Hymne des Maradona-Platzes.“

Am Ende bleibt eine Rechnung ohne Infortuni: Wenn Caruso damals zwei gesunde Knie gehabt hätte, wäre er vielleicht nie zur Legende erkoren worden – und Da Vinci hätte nie einen Song über Dauerhaftigkeit geschrieben. So gewinnt Neapel eben doch, auch wenn es mal wieder verliert. Die Stadt versteht sich darauf, aus Schmerz Hymnen zu bauen. Und aus einem Lied vielleicht schon bald den nächsten Chor, wenn der Ball wieder rollt und das San Paolo sich selbst erfindet – Per sempre sì, Ciro Caruso als Ehrenkapitan und ein Trainer, der noch immer wie ein Krieger aussieht, obwohl seine Armee nur aus Verbandszeug besteht.