Sabatini schockt: de rossi gegen roma ist wie inzest
Walter Sabatini zieht den Daumen über die Kehle. „Inzestuös“, sagt er, als hätte er den Begriff auf der Zunge gespuckt. Am Sonntag steht Daniele De Rossi mit dem Genoa-Crest auf der Brust im Marassi gegen die Roma – gegen das Leben, das er 18 Jahre lang geatmet hat. Sabatini, einst Romas Sportdirektor, heute Mann der lauten Worte, ließ der Zeitung Il Secolo XIX den Satz entlocken, der nun durch Italien rauscht.
„Wie ein sohn“ trifft auf die alte familie
De Rossi, 42, war nie ein Spieler wie jeder andere. Er sprach nicht über Taktik, sondern über Systeme. Nicht über Tore, sondern über Zeitströme des Spiels. Sabatini erinnert sich: „Er erzählte mir keine Anekdote, er entwarf ein Universum.“ Deshalb, so der Ex-Funktionär, habe er das Trainer-DNA schon damals geortet. Jetzt sitzt der Captain vom Ostufer im gegnerischen Schlauchboot – und paddelt direkt auf die eigene Vergangenheit zu.
Die Zahlen sind hart: Seit seinem Amtsantritt in Genua sammelte De Rossi 2,3 Punkte pro Spiel, mehr als jeder Genoa-Coach seit 2006. Die Roma unter Iván Juric holt 2,1 – Tendenz steil. Beide Teams laufen auf, als würden sie eine Kurve zeichnen, die sich erst in zwei Wochen kreuzt. Sabatini sieht das Duell als physische Gleichung: „Zwei Organismen, die im selben Rhythmus wachsen, stoßen aufeinander. Einer muss bluten.“
Im Curva Nord kursiert bereits ein Flyer: „Daniele, komm Heim, aber erst nach dem Abpfiff.“ Die Ultras drucken 40.000 Kopien, verteilen sie an der Ponte Monumentale. Die Polizei befürchtet ein emotionales Erdbeben – 600 Beamte, Pyro-Kontrollzonen, keine Kinder unter zwölf ohne Erwachsenenbegleitung. Das Stadion wird zur Therapie-Couch.

Der tag, an dem ein mythos die eigene hymne pfeift
Für Sabatini ist das Ganze keine Metapher mehr, sondern „eine Verletzung im Stammbaum“. Er spricht von „Naturgewalt“ und meint nicht den Ball, sondern das Bild: De Rossi in Rot-Blau, nicht mehr in Karmesin. „Wenn er jubelt, wird es still in ganz Italien“, prophezeit er. Und dann der Satz, der ihm die Schlagzeilen liefert: „Das ist keine Rache, das ist ein Schnitt durch das eigene Fleisch.“
De Rossi selbst schwieg bislang. Seine letzte öffentliche Äußerung: „Ich habe zwei Kinder, eines trägt den Namen Roma, das andere heißt Fußball.“ Am Sonntag wird klar, welches Kind lauter schreit. Sabatini glaubt, dass der Coach sich mit einem Sieg „befreien“ wird. „Daniele braucht das, um endlich vorwärtszuschauen.“
Die Wette der Buchmacher: 2,75 auf ein Genoa-Remis, 3,10 auf einen Roma-Sieg. Die echte Quote steht außerhalb des Rasens: Wie viele Tränen fließen, wenn der Mann, der einst die Roma-Kapitänsbinde trug, nun mit der Handzeichen-Tablette wedelt, um seine Ex-Kameraden zu zerfetzen. 90 Minuten, eine Karriere auf dem Kopf.
Am Ende bleibt ein Satz von Sabatini, der wie ein Tattoo brennt: „Wenn das Spiel vorbei ist, wird jeder wissen, wie schwer es ist, sich selbst zu besiegen.“ Daniele De Rossi muss sich selbst beweisen – und zwar in Farben, die nie in sein Blut passten. Die Uhr tickt. Das Marassi grollt. Die Roma atmet. Inzest oder Befreiung – Sonntag entscheidet der Football-Gott, wer die Schuld trägt.
