Pulisic nach usa-pleite: „der ball wird bald vom knie zum tor springen“

Die Zahlen sind hart: 90 Tage, 13 Pflichtspiele, null Tore. Christian Pulisic steht vor der Kamera, die Stirn glänzt vor Regen und Frust, und spricht sich selbst Mut zu. „Ich bin fit, ich kreiere Chancen – irgendwann fällt der Ball vom Knie rein“, sagt der Milan-Flügel nach dem 1:3 der USA gegen Belgien in Cincinnati. Es klingt wie ein Mantra, das er sich in den vergangenen zwölf Wochen immer wieder zugeflüstert hat.

Der dezember-treffer von gestern

Seit dem 28. Dezember lastet diese Last auf ihm. Damals traf er gegen Hellas Verona, seitdem jagt ihn die Null. Kein US-Nationalspieler wurde in dieser Zeit öfter vom VAR wegen Abseits zurückgepfiffen, keiner traf die Latte öfter (dreimal), keiner lief mehr Kilometer – und dennoch: kein Tor. Die Expected-Goals-Statistik lügt nicht: 4,8 xG stehen seit Januar gegenüber, doch die Liga notiert nur ein trockenes „0“.

Die Konsequenz ist laut, aber nicht unfair. Auf Twitter kursiert das Meme „Pulisic Passes the Salt“ – ein Seitenhieb auf seine Flanken, die stets am ersten Verteidiger kleben. Auch in der Milan-Kurve pfeifen manche bereits, wenn Stefano Pioli ihn in der 70. Minute einwechselt. Die Logik der Fans ist simpel: Ein Flügelspieler, der 20 Millionen Euro kostete, muss Tore machen, sonst ist er ein Luxus.

Pulisic selbst zuckt nur mit den Schultern. „Besser jetzt als im Juli“, sagt er und meint die WM in Mexiko, Kanada und den USA. Dort will er der „Captain America“ sein, der in entscheidenden Momenten die Kurve kriegt. Die US-Fußballverbände haben bereits 250.000 Trikots mit seinem Namen vorbestellt – ein Druck, der sich in jedem Schritt mit ihm bewegt.

Piolis plan: pulisic als falsche neun

Piolis plan: pulisic als falsche neun

Im Trainingslager in Milanello probiert Piolis Stab seit drei Tagen eine Variante: Pulisic als falsche Neun. Die Idee: Seine Schnelligkeit zwischen den Linien soll die gegnerischen Innenverteidiger zerfasern. Rafael Leão soll von links die Räume nutzen, Ruben Loftus-Cheek von hinten nachrücken. Die ersten Testspiele verliefen durchwachsen: zwei Vorlagen, aber wieder kein Treffer.

Die physischen Daten geben ihm recht. Seine Sprintzahl stieg im Frühjahr um 11 %, die Ballgewinne im letzten Drittel um 18 %. Nur die Konversionsrate brach um 38 % ein – ein Wert, der sich statistisch irgendwann korrigiert. „Ich schieße weiter, bis der Netzroller zittert“, sagt Pulisic und lacht, obwohl sein Blick hängen bleibt. Es ist das Lachen eines Mannes, der weiß, dass das nächste Tor nicht nur ein Tor ist, sondern eine Befreiung.

Am Samstag kommt Empoli ins Giuseppe Meazza. Die Toskaner haben die zweitschwächste Abwehr der Liga – 52 Gegentore, 14 davon nach Standards. Für Pulisic ist es die letzte Bühne vor der WM-Nominierung. Gregg Berhalter, US-Coach, wird live im Stadion sitzen. Die Rechnung ist einfach: Tore gegen Empoli, Platz in der Startelf, Ruhe im Kopf. Keine Tore, und die Debatte um seinen Stammplatz droht erneut zu entbrennen.

Die Uhr tickt. 90 Minuten trennen Pulisic vom Ende seiner Durststrecke – oder vom Beginn einer Sommer-Transfer-Saga. Milan-Boss Giorgio Furlani ließ durchblicken, dass „jeder Spieler einen Preis hat“. Die Klause liegt bei 45 Millionen Euro. Ein Schützer, der nicht trifft, wird schnell zu einem Vermögenswert, der liquidiert werden kann. Pulisic kennt die Mechanik des Geschäfts, er spielte in Dortmund und Chelsea mit. „Ich bin nicht mein Marktwert“, sagt er leise. „Ich bin der Typ, der um 23.15 Uhr noch 200 Schüsse auf das leere Tor jagt.“

Kurz vor Mitternacht verlässt er das Stadion, Kopfhörer auf, Blick nach vorn. In 48 Stunden entscheidet sich, ob seine Geschichte als kurzes Intermezzo in die Mailänder Sportgeschichte eingeht – oder als Comeback-Kapitel beginnt. Die Kugel liegt bereit, das Knie auch. Jetzt muss nur noch das Netz zittern.