Pogacar zertrümmert den fluch von sanremo – spektakulärste jagd der saison
34 Kilometer vor dem Zoll der Via Roma lag Tadej Pogacar auf dem Asphalt von Imperia, sein linkes Be blutete, das Rad unter ihm wirkte fahruntauglich. Drei Minuten später jagte er durch die Wellenkämme der Ligurischen Küste, 55 Sekunden hinter dem Feld. Was dann folgte, war keine simple Aufholjagd, sondern eine Demonstration von Rohkraft und Nervenkontrolle, die die 115. Mailand–Sanremo in eine Instant-Legende verwandelte.
Pogacars fallschirmgruppe schafft das unmögliche
Die UAE-Armada schaltete sofort in Zeitfahr-Modus: McNulty, Wellens, Großschartige. Sie rissen 40 Sekunden in fünf Kilometern heraus, fraßen sich durch Autos mit offenen Türen und Motorenruf. Auf der Capo Berta, 19 km vor dem Ziel, war Pogacar schon wieder im Hauptfeld – aber nicht, um mitzufahren. Er zog auf der Cipressa, ließ Van der Poel 150 Meter gehen, schloss mit 50 km/h Spitze und schmiss sich in die Abfahrt, als hätte er die Hautwunde vergessen.
Der Poggio war dann nur noch Formsache: ein halbes Dutzend Angriffe, jedes Mal ein kleiner Sprint, bis sich das Peloton wie ein zerrissenes Seil auflöste. Im Sprint hatte Pidcock keine Antwort, Van der Poel schaute auf das Hinterrad, das nicht mehr da war. 6:20 Stunden Renndauer, 299 km – und eine Zielzeit, die nur zwei Minuten über dem Streckenrekord lag, obwohl die Strecke nach dem Sturz lange wie ein Kaffee-Kränzchen aussah.

Was bleibt? nur ein leeres fach
Mit der Siegertrophäe aus Keramik füllt Pogacar das letzte Loch in seinem Monument-Schrank. Paris–Roubaix fehlt noch, doch wer ihn nach der Show von Samstag fragt, bekommt ein schiefes Grinsen: „Für April habe ich noch kein Programm.“ Die Zahlen sprechen ohnehin für sich: vier Tour de France, ein Giro, fünf Lombardien, drei Lütticher, zwei Flandern – und jetzt auch die klassischste aller Frühjahrsklassiker. Kein aktiver Fahrer besitzt mehr Monument-Siege, keiner hatte je in einem einzigen Rennen eine derartige Schadensbegrenzung betrieben.
Im Ziel gab es kein Heldengetue, nur ein ehrliches „Ich dachte, mein Tag ist gelaufen.“ Dabei war gerade das der Schlüssel: Wer nach einem Massensturz noch in der Lage ist, 550 Watt über die Cipressa zu treten, der schreibt Geschichte – nicht mit PR-Sprech, sondern mit Asphalt im Gesicht und Staub in der Lunge. Mailand–Sanremo war gestern ein Rennen, das selbst erfahrene Direktoren ins Stottern brachte. Die Bilder werden länger leben als jede Analyse. Und Pogacar? Der fährt schon wieder Richtung Norden. Die Saison ist jung, der Mythos wird größer.
